Oliver Stock - was vom Tage bleibt
Albträume

Banken schlafen schlecht, wenn sie ihr Geld nicht bei der EZB parken. Nordkorea inszeniert den Epilog eines Albtraums. Und selbst auf Traumschiffen kann niemand mehr ruhig schlafen.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Gefährliches Gebräu

Nein, dies ist nicht die Meldung von gestern. Sie ist von heute: Die Banken parken schon wieder eine Rekordsumme kurzfristig bei der Europäischen Zentralbank. Gestern waren es 420 Milliarden Euro, heute sind es 450 Milliarden. Dazu kommt eine Währung namens Euro, die heute Abend unter Druck gerät, eine Börse, die partout kein Jahresendrennen hinlegen will, italienische Anleihen, die heute Mittag mal gut liefen, heute Abend aber schon wieder rekordverdächtige Zinsen verlangen - mit diesem gefährlichen Gebräu entlässt uns der heutige Tag. Machen wir es am besten so wie die sogenannte reale Wirtschaft: Sie gibt nicht viel auf diese Warnsignale. Deutschlands Mittelständler glauben, sie haben zumindest kein schlechtes Jahr vor sich, ist das Ergebnis von Umfragen. Womit bewiesen wäre, was wir schon lange ahnten: Die reale Welt entfernt sich von der Finanzwelt. Aber diesmal offenbar in die richtige Richtung.

Regisseure des Regimes

Es sind die Bilder. Die Bilder aus Nordkorea von der Trauerfeier für Kim Jong Il. Schwarze überdimensionierte Limousinen, ein riesiges Porträtbild ihres Führers aufrecht auf dem Dach montiert. Menschen, die wie Statuen in Formationen verharren. Weinende Frauen und Männer. Ein einsamer junger, dicklicher Mann, der Sohn und Nachfolger, der einem Sarg voranschreitet. Der Pomp der Inszenierung verfehlt nicht seine Wirkung: Sie besteht in einem abgrundtiefen Misstrauen gegen die Regisseure.

Albtraumschiffe

Es gibt auch geschickte Regisseure. Das sind die vom Naturschutzbund. Sie verleihen alljährlich um diese Zeit, wenn die Nachrichten spärlicher fließen, publikumswirksam ihren Preis für die größten Umweltsünder. Diesmal haben die Traumschiffbetreiber Aida und Tui abgeräumt, was zu holen war. Sie betreiben ihre Flotten mit einem Schweröl, das bei der Verbrennung mehr Gift in die Luft bläst, als alle deutschen Autos zusammen, wenn sie die gleiche Strecke führen. Ändern ließe sich das ohne weiteres, nur zwingt die Kapitäne niemand dazu. Der Naturschutzbund hat damit ein Problem aus dem Ökonomie-Lehrbuch aufgegriffen: das der öffentlichen Güter, die niemanden gehören. Die frische Luft auf See gehört dazu. Es gibt niemanden, der für ihre Sauberkeit verantwortlich ist. Sie gehört niemanden, dennoch brauchen wir sie. Was mit solchen öffentlichen Gütern passiert, für die niemand zuständig ist, kann ein jeder auf dem öffentlichen WC auf seinem Marktplatz betrachten. Es ist eine Sauerei.

Bleiben Sie sauber . . .
Oliver Stock

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Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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