Was vom Tage bleibt
Draghi fordert zum Prassen auf

Gestern noch arme Schlucker, heute schon saniert: Spanien und Co. profitieren von Draghis Worten. Und: Die beste Idee für Berlin kommt aus Colorado – Cannabis legalisieren. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Es hat sich ausgespart

Schweigen ist Gold? Nicht, wenn man Mario Draghi heißt. Seit der Mann erklärt hat, dass er mit voller Kanne sinkende Inflationsraten bekämpfen werde, glaubt alle Welt, er werde Wertpapiere ankaufen, um so Geld in den Markt zu pumpen. Die Aussicht auf eine Zentralbank mit Spendierhosen, die am Ende sogar Staatsanleihen kauft, drückt die Renditen dieser Papiere. Der Erfolg sieht so aus: Länder wie Portugal und Spanien, die bis eben noch dicke Zinsen zahlen mussten, damit überhaupt jemand ihre Staatsanleihen kauft, segeln nun selig bei leicht über zwei Prozent Zinsen über die Märkte. Das ist etwa ein Fünftel von meinem Dispozins und als Mann von Geld weiß ich, was nun passiert: Wer sich so billig Geld leihen kann, wird es mit vollen Händen ausgeben. Sparkurs ade.

Diesen Krieg brauchen wir nicht

Die Regierung in Kiew hat auf ukrainischem Territorium festgenommene russische Soldaten bei einer „Pressekonferenz“ vorgeführt. Am Sonntag hatten die Aufständischen in der Ostukraine das Gleiche mit ukrainischen Gefangenen gemacht. Wir haben es also mit einer „Auge-um-Auge“-Propaganda zu tun. Immerhin sagte heute einer der gefangenen Russen: „Diesen Krieg brauchen wir nicht.“ Hätte mich einer gefragt, hätte ich gesagt: „Journalisten können gar nicht so schnell schreiben, wie ihr einen Krieg vom Zaun brecht. Denn Schreiben erfordert Denkarbeit.“ Gut – das wäre dann frei interpretiert nach Brecht gewesen, aber die Klassiker haben eben oft recht.

Schluss mit der Gespensterdebatte

In Hamburg wird erstmals ein Patient behandelt, der sich in Westafrika mit dem Ebola-Virus angesteckt hat. Es ist ein Arzt aus Sierra Leone und sein Zustand, so sagen seine Hamburger Kollegen, lasse hoffen. Bei seiner Ankunft konnte er, so war zu sehen, selbstständig in den Isolierrettungswagen steigen. Die Bilder, die Berichte – sie haben etwas Gutes: Je näher die Seuche kommt, desto mehr weicht der Schrecken vor ihr einem rationalen Umgang mit der Krankheit. Ebola ist kein Gespenst, sondern ein Virus.

Grünrausch für Berlin?

In Colorado und Washington ist es seit ein paar Monaten erlaubt, Cannabis zu genießen. Und dem Kapitalismus sei Dank: Umgehend ist ein riesiger legaler Markt entstanden. Es herrscht eine Stimmung wie im Goldrausch, US-Journalisten sprechen vom Grünrausch. Es ist wie damals nach Ende der Prohibition: Steuerzahler und Justizbehörden hatten eine gute Zeit und geschäftstüchtige Unternehmer traten auf den Plan. Inzwischen hat der Bundesstaat Colorado im ersten Halbjahr seit der Legalisierung 25,3 Millionen Dollar mehr eingenommen. Zurück nach Deutschland heißt das: Kandidaten aufgepasst! Wer sich um das Amt des regierenden Bürgermeisters von Berlin bewirbt, dass im Dezember frei wird, hätte hier einen Wahlkampfschlager.

Einen nicht zu rauschhaften Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Draghi fordert zum Prassen auf"

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  • Eigentlich ist das Spiel in einem ungedeckten Schuldgeldsystem ganz einfach, nämlich: "Inflate or Die".
    Systembedingt gibt es letztendlich alle ca. 60 - 80 Jahre (je nach durchschnittlichem Zinssatz) eben nur die beiden Lösungen "to default on the debt or to hyperinflate it away".
    Ersteres hätte also die ultimative Schulden-Deflation zur Folge - siehe dazu z.B. die Beiträge des australischen Ökonomen Steve Keen:
    http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/im-gespraech-steve-keen-wir-sind-in-der-groessten-finanzblase-aller-zeiten-1236141.html
    Da das Verschuldungsproblem global ist und zudem alle Währungen auf der Welt heute ungedeckte Fiat-Währungen sind, müssen sich die Notenbanker also in einen weltweiten "Abwertungswettlauf" begeben und sich den Ball des "Currency-Debasement" nacheinander zuwerfen - wobei Europa wirtschaftlich PER SE die weitaus besseren Karten und das bessere OUTCOME als etwa die USA hätte, wenn die Staaten der Euro-Südschiene (PIGS) und nun insbesondere auch Frankreich mit einer eigenen Währung stärker abwerten könnten. Der Satz ist zwar schon abgedroschen, behält aber dennoch weiterhin seine Gültigkeit: die Staaten der Eurozone sind volkswirtschaftlich INKOMPATIBEL, und inkompatiblen Volkswirtschaften kann man keine gemeinsame Währung aufzwingen.
    Und Draghi, der die gemeinsame Währung ja bis zum (bitteren) Ende "verteidigen" will, vertritt daher auch nicht die wirklichen Interessen der Europäer: die Hauptprofiteure seiner "Geldpolitik" befinden sich auf der anderen Seite des Atlantiks...

  • Herr Stock, Sie sind ganz nah an der Wahrheit, sprechen sie aber nicht aus. Draghi und seine Vasallen sind Interessenvertreter derer, die davon leben, Geld zu verleihen. Und um den angemessen Lebensstandard der Finanzbranche aufrecht zu erhalten, bei, sagen wir mal einem Viertel der bisher üblichen Zinsen, muss halt das Vierfache verliehen werden.

    In dem jetzigen System wird es niemals Lösungen geben, die dem Plebes die Steuerlast von den Schultern nehmen, die die Staatsverschuldung reduzieren, die die Schere zwischen arm und reich wieder zugehen lässt. Denn unter´m Strich darf die weltweite Verschuldung nicht sinken, sondern muss steigen. Denn die Verschuldung (fast) aller ist der immense Reichtum einiger weniger.

    Schade, dass Sie diese nahe liegende Schlussfolgerung nicht gebacken bekommen, bzw. nicht gebacken bekommen dürfen.

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