Was vom Tage bleibt
Echte und vermeintliche Krisenopfer

Bei Volkswagen zeigen sich die ersten Schrammen, Wulff versucht sich weiß zu waschen, die Atompolitik entlarvt sich selbst und ein Rockmusiker entwickelt ein fragwürdiges Helfersyndrom. Der Tagesrückblick
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Wunderschönen guten Abend,

Schrammen im Lack

Die Wirtschaftskrise tobt, der Absatz der Autohersteller bricht ein - und nur bei einem Unternehmen schienen die Autos wie mit Teflon beschichtet: An VW tropften alle Probleme der Branche ab. Doch nun hat es auch den Primus erwischt. Erstmals seit fast dreieinhalb Jahren ist im März der Absatz der Marke zurückgegangen. Immer deutlicher zeigt sich dabei die gefährliche Abhängigkeit vom chinesischen Markt. Noch kann der Absatz dort den dramatischen Einbruch in Europa kompensieren. Doch auch in China kühlt sich das Wachstum ab. Dann zeigt sich, wie wirksam VWs Teflon noch ist.

Begehrte Metalle

Sie mussten heute mal wieder auf ihren verspäteten Zug warten? Möglicherweise waren Metalldiebe schuld. Kabel und andere Metallteile im Wert von rund 17 Millionen Euro sind bei der Deutschen Bahn im vergangenen Jahr verschwunden. Mehr als 17.000 Züge konnten deshalb nicht planmäßig fahren. In der Krise ist offenbar jede Einnahmequelle recht. Da kann man ja fast froh sein, dass die Rohstoffpreise ihre wildesten Zeiten hinter sich haben. Denn die Kupferdesperados schaden nicht nur der Bahn und den Kunden, sie setzen beim Kabelklau zuweilen auch ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Fehlendes Gespür

Jetzt will Christian Wulff es wissen. Er lehnt einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ab und will vor Gericht bescheinigt bekommen, dass er nichts Illegales getan hat. Das ist sein gutes Recht - und seine Chancen dafür stehen nicht mal schlecht. Doch seine Kritiker sind damit noch lange nicht Lügen gestraft. Denn der Kern des Problems war die viel zu große Nähe zu Unternehmern und zum Glamour, die Wulff in fast naiver Art und Weise gesucht hat. Diese fehlende Distanz war eines Bundespräsidenten nicht würdig und dass Wulff dafür das Gespür fehlte, zeigt, dass er für das Amt nicht geeignet war. Und daran ändert selbst ein Freispruch vor Gericht nichts.

Dilettantische Politik

Es ist eine scheinbar endlose Geschichte und auch heute ging es nur einen kleinen Schritt weiter: Bund und Länder einigten sich lediglich auf einen Entwurf eines Gesetzes zur Suche nach einem Endlager und darauf, dass eine Kommission Kriterien für die Suche festlegen soll. Eine Entscheidung über einen Standort, das ist schon jetzt klar, soll es nicht vor dem Jahr 2031 geben. Dass bereits 1,6 Milliarden Euro in das Zwischenlager Gorleben investiert wurden und jetzt noch mal zwei Milliarden ausgegeben werden sollen um ein Endlager zu finden, zeigt, mit welchem Dilettantismus in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren Atompolitik betrieben wurde. Gut, dass die Fixierung auf diese Technologie beendet wurde.

Was fehlt? Der US-Sänger Kid Rock zeigt Herz für von der Finanzkrise gebeutelte Rockfans. Er hat jetzt die Kartenpreise für seine Konzerte auf 20 Dollar gesenkt, den Kaffee gibt es dort sogar umsonst. „Ich weiß wie sehr die Krise die Menschen trifft“, sagt er. Aber vielleicht hat sein soziales Engagement ja auch damit zu tun, dass er in den USA schon seit Jahren keinen Song mehr in den Charts platzieren konnte? Die Krise ist schließlich nicht an allem schuld – auch wenn uns das manche glauben machen wollen.

Ich wünsche Ihnen einen krisenfreien Feierabend

Florian Kolf

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Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Echte und vermeintliche Krisenopfer"

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  • Tja, Atomenergie ist nun mal die am meisten geförderte Art der Stromerzeugung überhaupt - aktuell kolportierte Erzeugungskosten von ~3 Cent unterschlagen entsprechend abzuzinsende Kosten für Unfälle sowie Endlagerungskosten komplett. Von letzteren gibt es offenbar reichlich (Asse 2-4 Mrd. EUR, aktuller Barwart Endlagersuche >4 Mrd. EUR, Barwert Endlagerung ??? - über 50 Tsd. Jahre sollte da was zusammenkommen). Steuervorteile, Unterstützung Forschung, ...nicht einmal mitgerechnet.

    Schonmal an Kürzung der Förderung für Atomstrom gedacht (z.B. Streichung des Freibetrags für Rückbau - gerne auch rückwirkend!)?

    Ist aber eher unwahrscheinlich, da dies die Funktion der großen Versorger als Auffanggesellschaft für Ex-Minister/-Abgeordnete beschränken könnte...von der mickrigen Pension kann ja keiner leben...

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