Weimers Woche
Gefährliche Atom-Diät

Deutschland ist mit seinem strikten Atomausstieg international zunehmend isoliert. Zudem zeigt sich ein Jahr nach der Katastrophe in Fukushima, wie stark die Industrie für die verordnete Energiewende bluten muss.
  • 43

Stell Dir vor, es gilt der Atomausstieg, und keiner macht mit! Genau ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima passiert etwas Verblüffendes: Die Welt baut neue Atomkraftwerke wie nie zuvor, und Deutschland steht mit seinem Ausstieg ziemlich alleine da. Sind wir klüger oder nur panischer als der Rest der Welt?

Zunächst waren es Frankreich und China, die sich offen gegen das deutsche Ausstiegsmodell stellten. Es folgten Russland, England und Indien. Und nun häufen sich die Meldungen, dass von Brasilien bis Saudi-Arabien überall sogar neue Atomkraftwerke gebaut werden sollen. Die Obama-Regierung genehmigt mitten im Wahljahr und erstmals seit 1978 den Bau eines neuen Atomkraftwerks in den USA.

Indien und China kündigen gleich ein Dutzend neuer AKWs an. Und die Internationale Atomenergiebehörde meldet nun die Sensation, dass mehr als 50 Länder neue Atomprogramme auflegen wollen. „Wir erwarten, dass schon dieses Jahr Vietnam, Bangladesch, die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei und Weißrussland mit dem Bau ihrer ersten Atomkraftwerke beginnen“, heißt es aus Wien. Nicht einmal Japan selber hat sich von der Atomkraft abgewendet.

Kommt nun auch in Deutschland der Ausstieg vom Ausstieg? Wohl kaum. Die Mehrheit der Deutschen will partout keine Atomkraft, so dass es richtig war, sich grundsätzlich von dieser Technologie zu verabschieden. Ganz falsch war aber, den Ausstieg derart überhastet anzugehen. Die Politik hat sich panisch und überopportunistisch verhalten – zum Schaden des Landes und der Natur.

Denn zu den verblüffenden Nachrichten zum Jahrestag von Fukushima gehört nicht nur die spektakuläre Rückkehr der globalen Kernenergie. Auch zum Comeback der Kohle in Deutschland darf man sich die Augen reiben. Denn durch die Abschaltung der Kernkraftwerke laufen besonders die schmutzigen Braunkohlekraftwerke auf Hochtouren. Im vergangenen Jahr avancierte Braunkohle wieder zum Stromlieferanten Nummer eins. Ausgerechnet der klimaschädlichste Energieträger ist also der größte Profiteur des Blitzausstiegs.

Kommentare zu " Weimers Woche: Gefährliche Atom-Diät"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Jörg Bergmann: In vielen Wirtschaftssimulationen stellt sich heraus, dass es vorteilhaft ist, immer kleine Änderungen im System zuzulassen, anstatt den großen Hebel umzulegen. Das hängt damit zusammen, dass nichtlineare Sprünge eher Ursache für chaotisches Systemverhalten darstellen (Stromnetzausfälle sind nicht vorhersehbar) und eine sanfte Einregelung auf einen neuen Systemzustand (hier: alle AKWs außer Betrieb) nicht stattfindet. Insofern ist eine politische Entscheidung, alle AKWs sofort abzuschalten, sicherlich eine Überreaktion auf Fukushima und nicht rational durchdacht. Wir haben heute nicht die Infrastruktur so etwas tun zu können und der politische Rahmen, eine solche Infrastruktur zukünftig zu haben, wird von der Politik zur Zeit nicht gesetzt. Die erforderliche staatliche Förderung, vergleichbar mit der damaligen Förderung der Kernkraft in Deutschland unter Helmuth Schmidt als Kanzler, mit der eine Energiewende ausgestattet werden müßte, existiert bis dato nicht. Somit leisten wir Deutsche uns zur Zeit in einem europäischen Verbundstromnetz, welches auch schon bisher am Rande der Stabilität arbeitet, den exklusiven Luxus einer sprunghaften Instabilität, den unsere direkten Nachbarländer abpuffern müssen, damit das gemeinsame europäische Stromnetz nicht zusammenbricht. Das entspricht nicht einem Land der (Dichter und) Denker, sondern einem irrationalen, emotionalen, vielleicht auch panikartigen Herdenverhalten. Die Presseberichterstattung steuert sicherlich einen signifikanten Beitrag zu diesem Verhalten bei. Erstaunlich, dass die Japaner, die in der Hauptsache betroffen sind, in stoischer Ruhe die Atomkatastrophe bewältigen. Vielleicht liegt hier tatsächlich ein kultureller Unterschied vor. Daß andere über uns Deutsche irritiert sind, ist damit erklärbar.

  • Was wir in Deutschland haben ist der verzweifelte Versuch, es sowohl den Anti-Atom-Fanatikern als auch den Umwelt/Klimaschützern - die sich in der Form der Grünen/CSU/CDU/SPD/Linke wiederfinden - gleichzeitig recht zu machen.

    Die "Schnittmenge" aus Klimaschutz, Umweltschutz, und Anti-Atom-Hysterie sind dann *nur* noch die "Eneuerbaren". Die Erneuerbaren sind aber leider so teuer, daß ein Normalverdienender sich diese einfach nicht leisten kann. Zwingt man den Normalverdiender, diese zu kaufen - wie es jetzt seit 10 Jahren zunehmend der Fall ist, dann muss er auf andere Dinge verzichten. Der Wohlstand sinkt.

    Wenn man wirklich nur keine Atomkraft haben wollte, und die restlichen "draufgesattelten" Umweltforderungen ignorieren würde, dann könnten wir beispielsweise mit 100% Erdgaskraftwerken auch noch gut fahren, mit vielleicht 12-15 Cent die kWh für den Endverbraucher.

    Aber die Kombination aus allen Forderungen geht einfach zu weit: Entweder brauchen wir AKW, oder fossile Energien OHNE Steuern. Beides zusammen ist zu viel, das können wir uns einfach nicht leisten, und wenn Merkel und Co. das nicht verstehen werden sie an eine Wand laufen und auf Widerstand in der Bevölkerung stossen.

  • Was die Problematik der Endlagerung betrifft, so möchte man Ihrem Kommentar entnehmen, dieses sei in Deutschland mit dem Atomausstieg gelöst... dass der bereits produzierte Abfall noch für eine ganze Weile bestehen bleibt, versteht sich von selbst, ergo wird die Suche nach einem Endlager weitergehen müssen. Da stellt sich natürlich die Frage, ob weitere tausend Tonnen da ein so riesieges zusätzliches Problem darstellen, oder letztendlich nur eine Erweiterung des noch zu findenden Lagers bedeuten...

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%