Weimers Woche
Hurra, die Sündenböcke sind da

Weder die Gier, noch die Banken, noch der Euro sind Schuld am Schuldencrash. Und erst recht nicht Papst Benedikt. Es ist die Politik selber - auch wenn sie es nicht wahrhaben will. Die Kolumne
  • 7

Was haben der Papst, die Banken und die FDP derzeit gemeinsam? Sie sind die Sündenböcke des politischen Berlin. Was immer passiert, einer davon ist schuldig. Regierung schwach, Börsen panisch, Euro marode, Sonntag zu selten, Auto kaputt, Milch sauer? Berlin weiß: Entweder war es Philipp Rösler, Josef Ackermann oder Benedikt XVI. Nun ist unsere Hauptstadt seit jeher eine Bühne, auf der die Bösewichter schnell gefunden sind, doch immer wenn ihre Sündenbockmelodie zur Fanfare aufbraust, kann man sicher sein, dass Berlin etwas zu verbergen hat.

So haben die neuen Attacken der politischen Klasse auf die Banken, die von Schäuble frisch polierte Forderung nach einer Börsentransaktionssteuer und das Geraune vom „Raubtier-Kapitalismus“ an den Finanzmärkten einen einzigen Grund: Ablenkung. Denn beim exzessiven Schuldenmachen sind die größten Sünder die Staaten selbst. Ihr Raubtier-Etatismus ist es, der uns in eine wirklich brenzlige Situation gebracht hat. Die Kreditblase, die derzeit zu platzen droht, ist ein rein politischer Skandal.

Unfassbare sieben Billionen Euro Staatsschulden hat Euro-Land bereits aufgehäuft. Und hofft gleichwohl, dass der Einstieg in die nächste Ebene des Schuldturms das Problem irgendwie löst. Das Gegenteil ist der Fall. Unsere Generation hat über Jahrzehnte noch nicht ein einziges Jahr mit einem ausgeglichenen Bundeshaushalt erlebt - egal übrigens, welche Partei gerade regiert hat. Selbst wenn wir all unsere Banken - private haben wir sowieso kaum noch welche - verstaatlicht hätten und den Euro wieder abschafften - der Schuldenberg Europas müsste doch bezahlt werden. Dass Berlin also die Banken in Frankfurt als "verantwortungslose Kreditteufel" attackiert, ist ein Witz. Soliditätsengel sind selten, an der Spree sind sie nie. Weder die Gier, noch die Banken, noch der Euro sind Schuld am Schuldencrash. Es ist die Politik selber. Armes Berlin, in Frankfurt weiß man schon seit Sponti-Zeiten: Die schärfsten Kritiker der Elche sind selber welche.

Auch beim nimmermüden Herumhacken auf der FDP beschleicht einen der Eindruck, dass die große Politik ganz froh ist, den Fokus der Kritik auf die Kleinsten zu lenken. Denn die anderen Parteien sind ebenfalls in einer reichlich schwachen Verfassung, so schwach, dass sogar eine piratige Kerle-Truppe von Computer-Kiffer-Raubkopierern rund 9 Prozent bei einer Landtagswahl erreichen kann. Die Linke zerfällt zum Heimatvertriebenenverband von Altstasi-Seilschaften, die Grünen haben seit der Energiewende ihr Thema verloren, die CDU fühlt sich weichgemerkelt, selbstentfremdet, wie eine schwarz angemalte SPD, und die SPD beschäftigt sich vor allem mit der quälenden - denn täglich grüßt das Murmeltier - Frage, wer denn diesmal als Kanzlerkandidat gegen Merkel verlieren soll. In dieser Lage wirkt das FDP-Bashing ein wenig wie Klassenkeile von Sitzenbleibern für einen Sitzenbleiber.

Der Papst wiederum ist so viel Kritik gewohnt, dass Banken und FDP bei ihm lernen könnten, wie man trotzdem beliebt wird: Sich treu bleiben. Benedikt XVI. wurde in Berlin, wo Katholiken sich zuweilen fühlen wie Frauenbeauftragte in Saudi-Arabien, empfangen wie ein Lamm im Wolfsrudel. Sie wollten ihn am liebsten fressen. Warum eigentlich? Weil er mit seiner knorrigen Intellektualität eine Gegenwelt zum Berliner Selbstverständnis verkörpert: Haltung, Demut, Glaube und - ganz uncool - Warmherzigkeit. Gerade weil er so anders ist, hat er überraschenderweise Herzen erobert und die scharfe Kritik als einen Spiegel entlarvt. Denn der fehlende Respekt vor dem Kirchenoberhaupt fällt am Ende auf die Hauptstadt selbst zurück. Auch an ihm zeigt sich, wie Berlin sich selber sieht: sündenbockbedürftig.

Wolfram Weimer
Wolfram Weimer
Handelsblatt / Gastautor

Kommentare zu " Weimers Woche: Hurra, die Sündenböcke sind da"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Auch wenn mein Vortipper hier so hochtrabend schreibt, ihr Artikel ist absolute Spitze und bringt es auf den Punkt.

    Die Politik entfesselte die Märkte, sicher total uneigenützigerweise. Sie sorgt nicht für die notwendigen Rahmenbedingungen der Bankenbranche und lässt sie eine nach der anderen systemrelevant werden. Schafft es in keinem Jahr zu einem ausgeglichenen Haushalt, weil sie schon wieder die nächste Wahl im Blickfeld sehen. Wollen, und können wohl oftmals keine eigenen Fehler zugeben. Woher soll dann auch ein Lerneffekt kommen?

    Vielleicht sollte mal darüber nachgedacht werden, die Legislaturperiode zu verdreifachen. Evtl. bringt die Politik dann tatsächlich mal etwas unpopuläres auf den Weg. Vorher wird in Deutschland niemals an Schuldenabbau zu denken sein.

    Wir haben keine weisen vorausschauenden Staatslenker, sondern machtgeile, egomanische Kurzzeitpolitiker in Berlin sitzen. Genau das ist unser Problem.
    Nicht das Banker ähnliche Leute in ihren Reihen haben, aber sie zeigen auch nicht ständig mit dem Finger auf andere.

    Kerviel sitzt für seine Fehler ein und die waren mal grade schlappe 5 Mrd. teuer.

  • Lieber Herr Weimer.
    Diese Kolumne sollten sie nicht an die Öffentlichkeit, sondern an ihre Journalistenkollegen schicken.

    Ihr, die Journalisten, macht Sündenböcke.

    Wir, die Leser, wissen es immer erst später besser. Nachdem sie und ihre Kollegen Meinungen macht.

    Haääte sie mal im Focus doch mal über "weichgemerkelt" geschrieben, würde ich ihnen jetzt glauben was sie geschrieben haben.

  • Klasse Kommentar! Volltreffer,das nenne ich wahren Journalismus - der Gesellschaft und der Politik den Spiegel vorhalten! Respekt!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%