Weimers Woche
Schwarze und Grüne üben die späte Liebe

Es rumort im politischen Berlin. Während die SPD zittert, die Linkspartei strauchelt und die FDP schon beflissen Regierungspläne schmiedet, finden hinter den Kulissen Schwarze und Grüne zusammen wie ein Paar, das die späte Liebe für sich entdeckt.
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Es rumort im politischen Berlin. Während die SPD zittert, die Linkspartei strauchelt und die FDP schon beflissen Regierungspläne schmiedet, finden hinter den Kulissen Schwarze und Grüne zusammen wie ein Paar, das die späte Liebe für sich entdeckt. Das Ergebnis der Europawahl wirkt wie ein Dammbruch für eine politische Option. Plötzlich merken Grüne, dass eine rot-grüne Machtperspektive 2009 nicht existiert – eine schwarz-grüne aber sehr wohl. Und die Merkel-Union findet Gefallen daran, das Konservative an den Grünen zu loben und sie strategisch aus dem linken Lager herauszulösen.

Von Renate Künast bis Freiherr zu Guttenberg flirten sie plötzlich eine schwarz-grüne Koalition in Berlin herbei, dass man sich die Ohren reibt. Denn beide Parteien wollen sich Optionen offen halten.

Vier Gründe sprechen für den schwarz-grünen Trend.

Zum einen gibt es inzwischen viele schwarz-grüne Koalitionen in Deutschland, die erfolgreiche Arbeit machen und Berührungsängste der Parteien abgebaut haben - in unzähligen Kommunen, aber auch Schlüssel-Großstädten wie Frankfurt oder sogar auf Länderebene wie in Hamburg. Die Basis für eine Koalition im Bund ist also gelegt.

Zweitens ist der Zeitgeist in Deutschland derzeit bürgerlich-ökologisch. Das „Greening“ gehört zum Lifestyle wie Smoothies, Holzspielzeug und Bionade. Konservative und Ökologen treffen sich in ihrem Sparsamkeits-, Sicherheits- und Verlangsamungsreflex. Sie nennen es „Nachhaltigkeit“ und reden über Umweltfragen inzwischen völlig entspannt wie über den Mallorca-Urlaub oder Bundesligaspiele. Es gibt keine Kaffee, keine Bankbilanz und keine Fußcreme mehr, die nicht nachhaltig-natursanft-biologisch daherkämen. Da sich auch die Industrie mit Wucht ökologisiert, verliert das Grüne auch für wirtschaftliche denkende Menschen seinen miesepetrigen, modernisierungsfeindlichen Charakter.

Drittens sind sich Grüne und Unionisten soziologisch und habituell ganz nahe gekommen. Die Grünen – einst eine linke Spontitruppe, dann eine Seilschaft mit Spaß am Dienstwagen – sind nun in die tektonische Mitte der Parteinplatten zweier linker und zweier bürgerlicher Formationen gerückt. Der grüne Mainstream ist von einer linken zu einer bürgerlichen Lifestyle-Bewegung geworden. Die Hochburgen beider Parteien liegen mitten in bürgerlichen Räumen. Häufig wählen Ehepaare sogar schwarz und grün. In Arbeiterhochburgen oder in sozialistischen Plattenbauten hingegen haben es beide schwer.

Viertens verkörpert Angela Merkel vielmehr eine schwarz-grüne als eine schwarz-gelbe Denkwelt. Ihr Vater ist ein kämpferischer Radikalökologe, sie selber war Umweltministerin und agiert gerne als globale Klimaretterin. Sie versteht sich auch persönlich mit einigen grünen Politikern bestens. Und sie sieht als kühle Physikerin der Macht, dass ein Bündnis in die Mitte der Parteienarchitektur hinein ihre Machtbasis auf Dauer stabiler halten könnte. Darum signalisieren ihre Leute dieser Tage ungewohnte Offenheit.

Der scheinbar so langweilig gewordene Bundestagswahlkampf ist plötzlich wieder spannend. Bislang schien die Frage bloß: Bekommen wir Schwarz-gelb oder bleibt es bei einer Großen Koalition. Nun grünt es auch ein wenig.



Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero. Seine aktuellen Kommentare lesen Sie unter www.cicero.de.

Wolfram Weimer
Wolfram Weimer
Handelsblatt / Gastautor

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