Weltwirtschaft
Gezeitenwechsel auf den globalen Kapitalmärkten

Nach der Sparflut kommt die Ebbe. Kapital wird knapp, die Zinsen steigen. Unternehmen und Staaten brauchen mehr Disziplin.
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Erinnern Sie sich noch an das „Greenspan-Rätsel“? Der frühere Chef der amerikanischen Notenbank Alan Greenspan konnte sich 2004 einfach nicht erklären, warum die langfristigen Zinsen den damals stetigen Zinserhöhungen der Zentralbank am kurzen Ende nicht folgen wollten. Des Rätsels Lösung glaubte kurz danach Greenspans Nachfolger Ben Bernanke gefunden zu haben. Der heutige Fed-Chef führt die immer noch rekordtiefen Zinsen auf eine „globale Sparwelle“ aus den aufstrebenden Volkswirtschaften zurück. Denkste.

Eine neue Studie des McKinsey Global Institute stellt jetzt nicht nur die These von Bernanke infrage, sondern sagt der Welt des billigen Geldes einen Zinsschock voraus: Die Ära günstigen Kapitals geht zu Ende. Demnach wurde der globale Überschuss an Ersparnissen durch eine schwache Investitionsnachfrage seit den 70er-Jahren hervorgerufen. Dieser Negativtrend dreht sich jetzt um. Der riesige Nachholbedarf in den Schwellenländern wird die Investitionsnachfrage und das Zinsniveau nach oben treiben.

Die Schockwellen sollen bereits in fünf Jahren spürbar werden. Um mindestens 1,5 Prozentpunkte könnten die langfristigen Zinsen steigen. Auf den Kapitalmärkten, wo Veränderungen von wenigen Basispunkten gravierende Auswirkungen auf die Finanzierungskosten für Verbraucher, Unternehmen und den Staat haben, sind das Welten. Zumal die Steigerung real, also inflationsbereinigt ist. Zählt man die Risikoprämien hinzu, bekommt der Zinsschub eine dramatische Dimension.

Das wirft ein anderes Licht auf die jüngsten Zinserhöhungen in den wichtigsten Industrieländern. Dort haben sich die Renditen für amerikanische, britische und deutsche Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren von ihren historischen Tiefständen verabschiedet und sind in den letzten Wochen des Jahres leicht gestiegen. Einige Experten sprechen bereits von einer Zinswende. Obwohl die lockere Geldpolitik der Notenbanken dafür sorgt, dass die Kreditkosten immer noch extrem niedrig sind.

Bislang gab es für das Wetterleuchten an den Anleihemärkten eher kurzfristige Erklärungsmuster: bessere Wachstumsaussichten und höhere Inflationserwartungen in Amerika und Großbritannien. Und die Sorge, dass Deutschland sich mit der Rettung des Euros finanziell übernimmt. Haben die McKinsey-Propheten recht, dann war das jedoch nur ein Vorspiel für den kommenden Epochenwechsel.

Bis 2020 könnte die Investitionsnachfrage ein Niveau erreichen, wie die Welt es zuletzt nur durch den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Die globale Investitionsquote hat sich bereits von 20,8 Prozent 2002 auf nunmehr 23,7 Prozent erhöht. Bleibt die Weltwirtschaft auf ihrem gegenwärtigen Wachstumspfad, wird 2030 ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung investiert. Das wären 24 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Heute betragen die weltweiten Investitionen etwa elf Billionen Dollar.

Getrieben wird die Investitionsnachfrage durch die aufstrebenden Volkswirtschaften. China allein will in seinen 170 größten Städten neue U-Bahnen, Autobahnen und Hochgeschwindigkeitsstrecken bauen. Alle zwei Jahre müssen die Chinesen private und gewerbliche Immobilien in der Größenordnung New Yorks schaffen, um mit dem Wachstum ihrer Stadtbevölkerung Schritt zu halten.

Zugleich versucht Peking gezielt die hohe Sparrate der Bevölkerung zu reduzieren und den Konsum anzukurbeln. Selbst wenn die hochverschuldeten Briten und Amerikaner mehr sparen, wird die globale Ersparnis nicht ausreichen, um den Investitionshunger der Schwellenländer zu stillen. Folglich müssen die Zinsen steigen, um weltweit Ersparnis und Investitionen in ein neues Gleichgewicht zu bringen.

Die Folgen für Wirtschaft, Finanzmärkte und den Staat sind gravierend. Zwar werden westliche Firmen erheblich von dem Investitionsboom profitieren. Die wahren Gewinner sind jedoch jene Unternehmen, die ihr knappes Kapital am produktivsten einsetzen und sich an den Märkten relativ günstig finanzieren können. Die Bedeutung der Kapitalmärkte für die Unternehmensfinanzierung wird also noch wachsen. Voraussetzung für einen produktiven Einsatz des Kapitals ist ein freier Zufluss über nationale Grenzen hinweg. Protektionistische Kapitalkontrollen können zwar kurzfristig exzessive Kapitalflüsse in die Emerging Marktes dämpfen. Langfristig haben aber gerade die Schwellenländer ein fundamentales Interesse daran, dass sie auch mit ausländischem Kapital ihre Investitionen finanzieren können.

Nebenbei hat die neue Ära der Kapitalknappheit noch einen disziplinierenden Effekt auf Verbraucher und Regierungen in den Industriestaaten. Sie sind praktisch zum Sparen verdammt, da sie ihre Ausgaben im globalen Kapitalwettbewerb anders nicht mehr finanzieren können.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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