Wiebes Weitwinkel
Vielleicht klemmt die Kreditklemme gar nicht so sehr

Ein Teil der Geschäftsbanken könnte in den nächsten Monaten bereits wieder von der Risikobegrenzung vorsichtig auf eine Wachstumsstrategie umschalten.
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Heute versuchen wir es einmal mit Optimismus und zählen alle Gründe dafür auf, dass es möglicherweise gar nicht zu einer Kreditklemme kommt. Es gibt eine ganze Menge davon.

Zunächst einmal hat sich in der letzten Zeit gezeigt, dass vieles nicht so schlimm wurde wie befürchtet. Das Geschäftsmodell der Investmentbanken galt vor einem Jahr als beinahe tot. Heute sind die paar, die die Krise überstanden haben, putzmunter. Dabei deutet sich an, dass es sich dabei um mehr als nur ein Strohfeuer handelt. Der große Einbruch am deutschen Arbeitsmarkt ist ausgeblieben. Und die Prognosen, wann er denn endlich kommt, reichen immer weiter in die Zukunft. Das massenhafte Firmensterben in bedrohten Branchen wie der Autozulieferindustrie ist ausgeblieben, und zum Teil sind die Kapazitäten wieder ganz gut ausgelastet. Auch von dem befürchteten Einbruch nach dem Auslaufen der Abwrackprämie ist bisher wenig zu spüren.

Dazu kommt, dass manche der für die Banken befürchteten Entwicklungen zum Teil schon hinter uns liegen. Die Branche hat die Abschreibungen auf künftig ausfallende Firmenkredite bereits in den Büchern, soweit sie sich das leisten konnte. Und sie hat ihre Kapitalquoten unter dem Druck der Märkte zum Teil auch schon auf das Niveau hochgefahren, das gemäß den künftigen Aufsichtsregeln aller Voraussicht nach verlangt wird. Dazu kommt, dass speziell in Deutschland die Sparkassen der wichtigste Finanzierer des Mittelstands sind, und von diesen Instituten haben einige noch ganz ansehnliche Kapitalpolster. Und falls es bei den Großkrediten klemmt, werden kapitalstarke ausländische Banken gerne auf den deutschen Markt zurückkehren.

Möglicherweise wird in den kommenden Monaten ein Teil der Geschäftsbanken von Risikobegrenzung wieder vorsichtig auf Wachstum umschalten. Falls die Zinsen steigen, würde das zwar die Spielfreude der Investmenbanken dämpfen, aber im kommerziellen Geschäft für höhere Margen sorgen - und damit auch die Basis des Bankgeschäfts stärken.

Heißt das, dass keine Rückschläge drohen? Nein, natürlich nicht. Die Aktienmärkte brechen meist dann ein, wenn alle Optimisten sind. In China könnte sich zeigen, dass der Boom zu stark darauf beruht, die Rohstofflager zu füllen. Ein Einbruch dort würde auch über die Kapitalmärkte herb auf die Finanzbranche durchschlagen. Die Ausfallraten bei "toxischen" Krediten könnten höher sein als erwartet. Aber ich wage mal die Prognose, dass die Wahrscheinlichkeit für die optimistische Variante höher ist und die Kreditklemme weniger klemmen wird, als wir befürchten.

Heißt das, dass die Krise vorbei ist? Auch das nicht. Sie hat als Finanzkrise begonnen und wird als Haushaltskrise und noch viele Jahre hinaus belastend wirken. Der unvermeidliche Umbau der Industrie auf neue Nachfragestrukturen wird noch eine Menge Leid schaffen. Aber er wäre auch ohne Finanzkrise irgendwann fällig gewesen.

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