Wiebes Weitwinkel
Warum Angela Merkel es niemandem recht machen kann

Von allen Seiten hagelt es Kritik an der Bundeskanzlerin. Dabei wird meist übersehen, wie beispiellos komplex die Gemengelage der Probleme ist, die sie lösen soll.
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Ich habe Angela Merkel nie gewählt. Trotzdem finde ich die Kritik, der sie von allen Seiten wegen ihrer Rolle in der Euro-Krise ausgesetzt ist, zu großen Teilen weit überzogen.

Es gab vor Merkel Bundeskanzler, die historisch größere Leistungen zu vollbringen hatten: Konrad Adenauer die Integration im Westen, Willy Brandt die Versöhnung mit dem Osten, Helmut Kohl die Wiedervereinigung. Aber in diesen Fällen ging es um Politik in Reinkultur – um das, was Politiker gelernt haben und wozu politische Institutionen geschaffen worden sind. Merkel steckt dagegen in einer Gemengelage von Politik und Marktmechanismen, die in dieser Dimension und Komplexität beispiellos ist. Für diese Situation sind die Institutionen nicht geschaffen. Und häufig ist das, was politisch richtig wäre, für die Märkte Gift und umgekehrt; zum Beispiel wenn man davon redet, Investoren bei Staatspleiten bluten zu lassen.

Dabei steht die Bundeskanzlerin von zwei Seiten unter Druck. Da gibt es jene, die ihr vorwerfen, keine gute Europäerin zu sein, weil sie zu zögerlich mit Hilfszusagen sei. Sie übersehen, dass Merkel gewählt worden ist, um deutsche Interessen zu vertreten. Und die laufen zurzeit längst nicht so konform mit den „europäischen“ wie zum Beispiel die griechischen, spanischen oder luxemburgischen. Wer hat je einem sächsischen Ministerpräsidenten vorgeworfen, ein „schlechter Deutscher“ zu sein, wenn er sächsische Interessen vertritt? Außerdem blenden die „Europäer“ aus, dass auch Europa nicht gedient ist, wenn Deutschland sich mit Garantiezusagen weiter aus dem Fenster lehnt, als an den Kapitalmärkten glaubhaft zu vertreten ist.

Auf der anderen Seite gibt es die „deutsche Fraktion“, die vom Stammtisch bis in die deutsche Elite reicht. Sie träumt von der Rückkehr der D-Mark und wirft Merkel im Prinzip vor, die „Südländer“ nicht einfach mit ihren Problemen vor die Wand laufen zu lassen. Diese Leute machen sich nicht klar, welchen politischen und wirtschaftlichen Schaden eine solche Politik – auch für Deutschland – anrichten würde.

Beide Seiten tun mitunter so, als gäbe es ein Patentrezept zur Lösung der Krise – und blenden dabei den Teil der Realität aus, der ihnen nicht passt. Es gibt aber kein Patentrezept. Deswegen kann man der Bundeskanzlerin nicht vorwerfen, dass sie keines hat und sich Schritt für Schritt weitertastet.

Und ganz nebenbei muss man sich vor Augen führen: Merkel hat zurzeit mehr Verantwortung als alle Dax-Vorstände zusammen – mit einem Gehalt, für das manche Topmanager nicht einmal den Wecker stellen würden. Dazu kommt: Ohne eine gewisse Mittelmäßigkeit wird man eben kein Spitzenpolitiker – Genies dienen sich nicht über Kreisparteitage hoch. Was verlangen wir also von einer Politikerin? Und glaubt irgendjemand, nebenbei gefragt, Guido Westerwelle, Sigmar Gabriel oder Cem Özdemir kämen besser mit diesen komplexen Problemen klar als Merkel?

Kommentare zu " Wiebes Weitwinkel: Warum Angela Merkel es niemandem recht machen kann"

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  • Mich stört besonders die von ihnen zitierte "Historische Rolle der Aussöhnung mit dem Osten" von Willy brandt. Vermutlich ist er damals betrunken in Warschau auf die Knie gefallen, wie sonst konnte er im Alleingang ein Dritel Deutsch-lands verschenken?!

  • Selbst Leute, die die Natur mit wenig Hirn ausgestattet hat, wissen:
    - Schulden koennen nicht Jahr fuer Jahr schneller steigen als das Volkseinkommen
    - Eine Schuldenkrise kann man nicht mit immer mehr Schulden bekaempfen
    - Unter den Teppich Kehren dieser wirtschaftlichen Wahrheiten fuehrt zum Armageddon
    Nichts kann Angela Merkel und ihre Regierung entschuldigen.

    @ [3] Dr. Martin bartonitz – Sie meinen sicher die kollektive intelligenz der Lemminge?

  • Die Lösung ist wie immer sehr einfach,... Die USA kommen mit 51 Senatoren aus und die bRD hat das 12fache an Politikern im bundestag sitzen. Wenn der bundestag 100 Politiker hat, reicht das aus. Das gleiche gilt auch für den bundesrat. Das Geld was dabei gespart wird, wird den Politikern an Gehalt mehr gegeben, wenn sie an der Macht sind. ich habe nichts dagegen, das die bRD endlich fähige Politiker hat, die entsprechend mehr Gehalt verdienen wie die Vorstände. Das beste beispiel ist Singapore, das nur durch ihre Politiker so reich geworden ist. Jeder 8 bürger in Singapore ist ein Millionär und damit ist Singapore das Land mit den prozentual meisten Millionäre in der Welt. Singapore hat keine Rohstoffe oder irgendwelche anderen Vorteile.... Der Präsident von Singapore ist auch der best bezahlte Politiker in der Welt. Wen wundert das?
    Mit solchen Krücken wie Merkel, Westerhagen wird die bRD im Abgrund landen. Diese Leute sind nicht in der Lage überhaupt einen Plan aufzustellen, sondern handeln nur aus reiner Panik, und dann immer verkehrt.

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