20 Jahre Mauerfall
Der unterschätzte deutsche Osten

Zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung reißt die Diskussion immer noch nicht ab, ob man die DDR-Wirtschaft schneller oder erfolgreicher hätte sanieren können. Doch der realistische Blick zeigt: Es ist sogar besser gelaufen, als zu erwarten war.
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Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung ist die deutsche Einheit zu einer derartigen Selbstverständlichkeit geworden, dass selbst die notorischen Kritiker der Linkspartei sie nicht infrage stellen. Ihre Klage über Wirtschafts- und Wohlstandsgefälle zwischen den alten und den neuen Bundesländern dient vor allem politischen Interessen. Sie sind damit auch deshalb so erfolgreich, weil im Westen niemand wirklich widerspricht.

Die SPD hat von Anfang an versucht, aus dem Gefälle zwischen West und Ost Honig zu saugen. Den Grünen als westdeutsche Milieupartei mit ostdeutschem Dissidentenanhängsel war das Verhalten der Menschen im Osten ohnehin suspekt und ist es mit den mehr oder minder latenten Vorwürfen der Neigung zum Rechtsextremismus bis heute geblieben. Otto Schilys Banane war eben mehr als nur eine Ungezogenheit! Und die CDU - zumindest ihre Ostverbände - hat auch schnell gelernt, dass Geld nur bekommt, wer klagt.

So eignet sich ein Blick auf die politischen Debatten kaum, um den Stellenwert der Wiedervereinigung in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte zu begreifen. Schon der Blick auf die ökonomischen Realitäten zu Ende der DDR war von Illusionen beherrscht. Auch der sich danach vollziehende Prozess der ökonomischen Angleichung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR wurde nicht nüchtern betrachtet, sondern als Ergebnis politischer Fehler der jeweils anderen Seite dargestellt, obwohl der Gestaltungsspielraum so oder so außerordentlich gering war.

Es ist schon richtig: Die verrottete DDR-Wirtschaft wurde nach 1990 einer Schocktherapie ausgesetzt. Der nachfolgende Zusammenbruch aber wurde hierdurch nicht verursacht, sondern es wurde nur endlich offensichtlich, dass in der vormaligen DDR die Substanz längst verbraucht war. Dieser Zusammenbruch wurde in der Tat auf dem Rücken der Menschen in der DDR ausgetragen, die sich je nach Lebensalter und Qualifikation um ihre Lebensleistung betrogen fühlten. Nur, was war die Alternative?

Die kleinen Dinge des Lebens fehlten Trotz des Wissens um die Verschuldung der DDR und ihre Zahlungsbilanzprobleme gingen bis zum Ende dieses Staates in der Bundesrepublik Deutschland die meisten Beobachter aus Politik und Wirtschaft davon aus, dass die Selbstdarstellung der DDR, man sei im Kern wirtschaftlich gesund und leistungsfähig, nicht aus der Luft gegriffen war. Diese mangelnde Informiertheit war zu einem nicht geringen Teil die Folge mangelnden Interesses: Spätestens mit der Entspannungspolitik waren die Bemühungen um die Wiedervereinigung weitgehend eingestellt worden; in den 1980er-Jahren nahm man die Teilung des Landes als gegeben hin, ja begrüßte sie gelegentlich gar als angemessene Sühne für den Zweiten Weltkrieg.

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  • Betrifft “Im Auftrag des Großen Bruders“, Autobiografie, Zeitzeugen DDR neu, AAVAA-Verlag, Berlin, ISBN 9783862545513 und 978-3-86254-551-3.
    Sehr geehrte Damen und Herren,
    mit dieser Information beziehe ich mich auf ihren Wortlaut "Demontagen und hausgemachte Probleme. Die DDR-Wirtschaft war zweifellos ein Opfer der sowjetischen Demontagen ..." (Abschnitt VIII)
    Inhalt der Autobiografie: Gründe des Niedergangs der DDR-Wirtschaft. Beispiel:
    Die Republik ist mit militärischen Standorten übersät - Atombunker wachsen wie Trüffel - sie haben Priorität vor Wirtschaft. Dennoch wird bis 1990 investiert. Kaum einer weiß von den verbauten Milliarden. Zu beachten sind 1450 Km innerdeutsche Grenze und 160 Km Mauer beides wird ständig ausgebaut und erneuert. Die Anzahl der Bearbeiter für militärische Vorhaben wird so gering wie möglich gehalten - mit Informationen geht man sparsam um - die Geheimhaltung beginnt mit dem Grad der Vertraulichkeit. Vorhaben der bewaffneten Organe ordnet man oft in die vertrauliche oder geheime Verschlusssache ein - die Arbeit der Stasi kommt dabei nicht zu kurz …
    Auszug aus dem Vorwort:
    Kein anderer Staat des ehemaligen Ostblocks ist so eng mit der Sowjetunion verbunden wie die DDR - sie steht vollständig unter dem Oberbefehl des Warschauer Vertrages. Zudem gilt es, vom Großen Bruder zu lernen …
    Das Leben der Menschen in einer Diktatur wird veranschaulicht. Fakten in Handlungen und Dialogen werden aufgezeigt, ohne die Grenze zur erzählerischen Fiktion zu überschreiten. Der berufliche Werdegang des Autors ist nachgewiesen.

    Thomas Schmidt
    Zeitzeuge
    Geboren 1947

    Rezensionen/Informationen zur Lektüre:

    Zeitzeugen-Roman über DDR | Zeitzeugen Berlin zeitzeugenberlin.de/zeitzeugen-roman-ddr/ “Im Auftrag des Großen Bruders“, ISBN 9783862545513, Autobiografie sowie
    “Im Auftrag - Hauptnachrichtenzentrale der NVA der DDR“,
    Weltbild, Amazon

  • "Die kleinen Dinge des Lebens fehlten Trotz des Wissens um die Verschuldung der DDR und ihre Zahlungsbilanzprobleme gingen bis zum Ende dieses Staates in der bundesrepublik Deutschland die meisten beobachter aus Politik und Wirtschaft davon aus, dass die Selbstdarstellung der DDR, man sei im Kern wirtschaftlich gesund und leistungsfähig, nicht aus der Luft gegriffen war. Diese mangelnde informiertheit war zu einem nicht geringen Teil die Folge mangelnden interesses":

    Und war Folge der total wirtschaftlichen Abhänggkeit der DDR von der UdSSR, die quasie als Kolonie missbraucht wurde und das nach erfolgter Demontage noch brauchbarer Produktionsmittel.

    Dabei wurden ehemals weltbekannte indusrtriestandorte ihrer weltbekannten Firmennamen durch die SED beraubt und zum Einheitsbrei-VEW.

    Was nach 1989, unter tragfähigen Voraussetzungen noch abzuwickeln war, war nur noch ein kleiner brauchbarer Rest einer ehemals modernen und bekannten industrieregion zu schwach, um aus eigner Kraft den Standdard Westdeutschlands zu erreichen; was westdeutsche industrieansiedlungen auch nicht schaffen konnten.

    Die markante Aufteilung ostdeutscher bundesländer in Agrar, industrie- und Stadtregionen macht die Angleichung an die alte bundesrepublik auch nicht leichter.

    Unter diesen Voraussetzungen - auf absehbare Zeit - blühende Landschaften vorauszusagen... das hätte damals allenfalls ein Meteorologe machen können.

  • Der beitrag erscheint sehr einseitig. Vieles geschah aus wirtschaftlichen Überlegungen, die nichts mit dem Osten an sich zu tun hatten.
    So ist schon zu hinterfragen, wieso die Lasten der Einheit zu großen Teilen den Sozialsystemen aufgeladen wurden, in der Gewissheit, daß sie es nicht schulten können. Zum Einen hat man damit erreicht, daß man die Schuld am Zustand dieser Sozialsysteme dem Anschluß des Ostens zuschreiben kann, zum anderen kann man endlich privaten Abzockern wie banken und Versicherungen das Feld der Sozialsysteme überlassen. Der Osten kam da gerade recht.
    Ansonsten trifft der Kommentar (4) von Reinhard den Kern besser als der beitrag selbst.

    Es wäre wünschenswert gewesen, die Menschen in Deutschland West hätten eine mögliche Vereinigung beider deutschen Staaten ein klein wenig mitgestalten dürfen - vieles wäre besser geworden.
    Aber nach wie vor scheut die deutsche Politik als Handlanger der Reichen und Mächtigen den Volksentscheid wie der Teufel das Weihwasser.

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