Abgas-Manipulationsskandal
Deutschlands Autoindustrie am Abgrund

Durchsuchungen bei Daimler, Durchhalteparolen beim Lobbyverband: Der Diesel wird den deutschen Autobauern zum Verhängnis. Nun müssen die Konzerne sich fragen, welche Zukunft die Motortechnologie noch hat. Ein Kommentar.
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Matthias Wissmann spricht nicht nur offiziell für die Branche. Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie denkt auch, was die Branche denkt. Sollte er zumindest. Aber nach den jüngsten Äußerungen des ehemaligen Bundesverkehrsministers zum Thema Diesel fragt man sich, was den Cheflobbyisten dazu bewegt, in diesen Tagen derartige Durchhalteparolen auszugeben: „Wenn wir die CO2-Emissionen senken wollen, ist dafür der moderne Diesel unverzichtbar.“ Anders formuliert: Wir, die deutsche Autoindustrie, bauen weiter Dieselmotoren, komme was da wolle. Ob die angeschlossenen Automobilkonzerne auch so denken? Es steht zu befürchten.

Bedenkt man dann noch die Worte des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der just eine Kaufprämie für die neue Dieseltechnologie nach der Euro-Norm 6 ins Spiel gebracht hat, so könnte man meinen, die Welt sei trotz des Abgas-Manipulationsskandals in Ordnung. Da können die Staatsanwälte bei VW, Audi und Daimler noch so viel recherchieren, Städte Fahrverbote planen und die Amerikaner und Chinesen Elektroautos entwickeln. Die Geschichte wird zeigen, dass es ohne den Diesel nicht geht. Made in Germany versteht sich.

Lassen wir einmal die Frage außen vor, welchen Zweck die Staatsanwaltschaft mit ihrem massiven Auftritt erst bei Audi und jetzt bei Daimler verfolgt. Lassen wir auch unbeachtet, zu welchen Ergebnissen diese Ermittlungen führen werden. Das publikumswirksame Kräftemessen der Justiz mit der Industrie führt ohnehin am Thema vorbei. Staatsanwälte und Richter machen Vergangenheitsbewältigung. Daimler & Co. aber müssen in die Zukunft schauen. Natürlich soll aufgearbeitet werden, ob und in welchem Maße manipuliert worden ist. Viel wichtiger aber ist die Frage, welche Zukunft hat eigentlich der Diesel?

Nach Ansicht aller Beteiligten offenbar eine ganz große. Wie sonst wäre es zu erklären, dass eine der führenden Autobau-Nationen dieser Welt, und dazu zählt Deutschland zweifellos, im Jahre 2017 ihr Schicksal so einseitig an eine einzige Motorentechnologie knüpft. Bei mehreren Herstellern verlassen 70 Prozent aller Fahrzeuge die Produktionshallen mit Dieselmotoren - als gäbe es keine Alternative.

Die Industrie versucht offenbar den Durchmarsch. Andere wie die Energiewirtschaft haben das auch schon probiert. Das Ergebnis ist bekannt. Wenn BMW, Daimler und VW sich jetzt weiter an den Diesel klammern, droht ihnen dasselbe Schicksal wie der Energiebranche, die zu lange an ihren konventionellen Kraftwerken festgehalten hat. Die Stimmung hat sich längst gedreht. Das scheint bislang an den Automanagern vorbei gegangen zu sein – und an Horst Seeehofer.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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  • Deutscher Journalismus am Abgrund?
    Als Maschinenbau-Ingenieur weiß ich die Vorteile des Diesels zu schätzen:
    Hohes Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen
    Niedriger Verbrauch
    Zuverlässigkeit
    Viele andere Kunden sehen das ähnlich, sonst wären die Verkaufszahlen nicht so hoch. Mein Menschenverstand sagt mir, dass eine Firma gut daran tut, Produkte anzubieten, die der Kunde haben will. Die Automobilindustrie bietet jede Antriebsvariante an. Der Kunde kauft allerdings doch nur die etablierten Antriebskonzepte. Da hilft auch nicht dieser oder ähnliche Artikel. Ich arbeite übrigens in der Chemieindustrie, habe also keinen Vorteil davon, mich gegen Dieselbashing zu stellen.
    Ein defekter Verbrennungsmotor bei einem 5 Jahren alten Auto führt zu einem wirtschaftlicher Totalschaden, weil die Reparatur den Restwert übersteigt. Zum Glück kommt so etwas sehr selten vor. Bei E-Motoren und Lithium Akkus gehe ich bei einem defekten Akku bei dem oben beschriebenen Szenario wegen des Akkupreises ebenfalls von einem wirtschaftlichen Totalschaden aus. Die Akkutechnik ist noch so neu, das es hierzu noch keine Zahlen gibt. Allerdings besitze ich einen Hubschrauber mit Lithium Akku. Der Akku hat 3 Zellen. Beim Schnellladegerät wird die Spannung auf 0,01V genau eingestellt und der Strom auf einen festen Wert eingestellt. Diese Akkus sind nach 15min. voll und dabei so heiß, dass sie nur mit Handschuhen angefasst werden können. Mehr als 100 Ladungen schafft man trotzdem nicht. Lithium Akkus für KFZ haben 6500 und mehr Akkuzellen (Tesla). Gleichzeitig soll der Akku bei einer Tasse Kaffee in der Tanke wieder fast voll geladen sein. Sicher macht der Hersteller etwas günstigere Aufladezyklen. Wenn der Akku dann aber nach 500Zyklen schlapp macht, wird es teuer. Wer mal einen Oldtimer ohne Kat vor sich hat, erkennt, was für Fortschritte der Umweltschutz gemacht hat. Liebe Journalisten, bitte gute Nachrichten von E-Mobilität bringen und kein Bashing gegen Diesel.

  • Es müssen also noch viel mehr Schläuchlein, elektronische Zauberkästen und hochdiffizile Filtersysteme in die Diesel-Wunderautos eingeschraubt werden, damit die deutsche Gutmenschenkaste weiter die Welt retten kann und ihr Gesicht nicht verliert. Dass diese ganze Sch... der Käufer mit Zusatzkosten bei Wartung, Verschließ und Reparaturen zu bezahlen hat, wird dann dabei nebensächlich.

  • Der Diesel ist ein robustes und genuegsames Auto. Wo bitte sind die Benzin-Busse, -Lkws, Schienenfahrzeuge? Die Profis werden weiterhin Diesel kaufen!

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