Abschied in die Sommerpause
Merkel und die Zwerge

Ausgerechnet die nüchterne Angela Merkel muss das Gefühl haben, sie durchlebe ein Märchen. Die Kanzlerin verabschiedet sich in den Sommerurlaub und darf sich als umschmeichelte Prinzessin der deutschen Politik fühlen.

Ausgerechnet die nüchterne Angela Merkel muss das Gefühl haben, sie durchlebe ein Märchen. Die Kanzlerin verabschiedet sich in den Sommerurlaub und darf sich als umschmeichelte Prinzessin der deutschen Politik fühlen.

Sicher, die Neugier der Weltmedien ist weitergewandert. Statt der First Lady aus Ostdeutschland begeistern sie sich nun für Barack Obama. Aber in Deutschland hat Merkel nach drei Jahren Amtszeit der Großen Koalition den Status der scheinbaren Unanfechtbarkeit erreicht. Mögen die deutschen Medien auch noch so sehr wettern über die Beliebigkeit der Politik ihrer Bundesregierung: Ihre eigenen Zustimmungswerte steigen weiter. Sogar die Union soll nach jüngsten Umfragen wieder zugelegt haben. Das sorgt vorerst für parteiinterne Ruhe.

Merkel kann zudem beobachten, wie die Männer um sie herum schrumpfen. „Merkel und die Zwerge“ könnte der Titel ihres Märchens lauten. Vor den einst als „Rivalen“ beschriebenen Landesrecken in ihrer Partei muss sie sich jedenfalls nicht mehr fürchten.

Roland Koch hat sich im hessischen Landtagswahlkampf selbst zerstört. Christian Wulff inszeniert gerade medial seine unterwürfige Wandlung vom Alphatier zum Betamännchen. Arbeiterführer Jürgen Rüttgers kann die Partei zwar an einzelnen Punkten in die von ihm gewünschte Richtung drücken, aber er wird nur als einseitiger Flügelmann in der CDU wahrgenommen, der keine bundespolitische Zukunft hat. Günther Oettinger und die Ost-Ministerpräsidenten gelten als Leichtgewichte. Und das Brüllen des vor der Wahl zitternden bayerischen Löwenduos Beckstein/Huber nimmt ohnehin niemand mehr richtig ernst.

Von den Männern in der SPD droht erst recht keine Gefahr. Als Chef der anderen Volkspartei hat sich Kurt Beck in eine derart hoffnungslose Position manövriert, dass er längst als Ausstiegskandidat, aber nicht mehr als potenzieller Aufsteiger gilt. Und Merkels möglicher Gegner im Bundestagswahlkampf, Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier, erweckt derzeit mit hektischen Vermittlungsversuchen im Kaukasus und Blitzvisiten in Afghanistan fast den Eindruck, er sei auf der Flucht.

Mit Argwohn sehen ihre parteiinternen oder ehemaligen Rivalen wie Friedrich Merz, dass der Abstand von Jahr zu Jahr auch noch wächst. Wenn Merkel in den politischen Spiegel schaut, dann versichert der ihr immer lauter, dass sie die Mächtigste im ganzen Land und vor allem in der Partei ist und auf absehbare Zeit bleibt.

Das liegt nicht nur am klassischen Kanzlerbonus, der nun zu wirken beginnt. Merkel hilft auch, dass in der Berliner Republik der Abstand zwischen dem Zentrum der Macht und der Provinz immer größer wird. Von „außen“ aufzufallen gelingt eigentlich nur noch, falls man eine Flügelposition wie Jürgen Rüttgers einnimmt.

Dieses Vorgehen hat für die Akteure den Nachteil, dass es die Mitteposition Merkels nur noch betont. Sie thront gelassen über allem, positioniert die Ministerpräsidenten immer wieder kühl gegeneinander und neutralisiert sie.

Doch Merkels derzeitige Stärke kann im kommenden Jahr schnell zu ihrer Schwäche werden. In Wahrheit ist es einsamer um sie geworden. Weil sie bewusst keine Kronprinzen duldet, haben sich viele Unionsspitzenpolitiker zurückgezogen, einige schmollend wie Christian Wulff. Nur: So wie die Union die Kanzlerin braucht, so sehr braucht sie selbst im Wahlkampf ihre Partei. Und dort wird nur deshalb nicht mehr laut gemurrt, weil alle gelernt haben, dass Widerstand gegen die mächtige Frau im Kanzleramt derzeit zwecklos ist. Dies erklären auch die Stillhalteabkommen der einzelnen Parteiflügel für den Sommer selbst in so heiklen Fragen wie dem Mindestlohn.

Doch der Frust über das mangelnde Profil der Union und den Umbau der Partei zum Kanzlerinnen-Wahlverein sitzt tief. Die Zahl derer, die im Hintergrund maulen, ist in den vergangenen Monaten nicht kleiner, sondern größer geworden. Das ist keine gute Aussicht für einen begeisterten und vor allem begeisternden Wahlkampf der Union.

Die chronisch misstrauische Merkel sollte sich an die Moral des Märchens „Schneewittchen“ erinnern. Am Ende kennt niemand die Namen der Zwerge, nur den der Hauptfigur. Aber ohne die Hilfe der Zwerge wäre Schneewittchen früh gestorben.

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