Afghanistan
Deutschland muss kämpfen

  • 0

Die deutsche Debatte über Afghanistan nimmt absurde Formen an. Da schreibt der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates einen in der Sache harten, in der Form aber höflichen Brief an seinen deutschen Amtskollegen Franz Josef Jung – und sofort setzen die typisch deutschen Reflexe ein. Dies sei ein unfreundlicher Akt, ja ein Affront aus Washington, heißt es in der Berliner Opposition. Derweil versucht die Regierung, Gates’ Anfrage nach neuen Truppen abzuwehren.

Vor allem Jung übt sich in der Kunst, den deutschen Einsatz im Norden Afghanistans schönzureden. Deutschland sei bereits der drittgrößte Truppensteller am Hindukusch und könne beim besten Willen nicht mehr leisten, heißt das schwache Standardargument des deutschen Selbst-Verteidigungsministers.

Doch diesmal dürfte Jung damit nicht durchkommen. Beim Nato-Treffen in Vilnius und bei der Sicherheitskonferenz in München Ende dieser Woche steht Streit über den Einsatz der Nato und den deutschen Beitrag ins Haus. Die Nato, so warnen die Experten der Afghanistan Study Group, steht am Scheideweg. Der zivile Aufbau stockt, die Ausbildung der afghanischen Polizei kommt nicht voran, die Sicherheitslage verschärft sich zusehends.

In dieser Lage ist Deutschland gleich dreifach gefordert: Zum einen muss, wie Jung zu Recht betont, der Aufbau im Norden weitergeführt werden. Es hat keinen Sinn, Soldaten aus den Wiederaufbauteams abzuziehen und so die bisherigen Erfolge zu gefährden. Zum anderen muss Berlin die Pannen bei der Polizeiausbildung abstellen. Die verlief nämlich weitgehend im Sande.

Vor allem aber muss sich Deutschland endlich der Debatte über Kampfeinsätze stellen. Bisher präsentierte sich die Bundeswehr in Afghanistan nicht als einsatzbereite Kampftruppe, sondern eher als Technisches Hilfswerk mit Gewehren. Zwar dürfte sich dies spätestens im Sommer ändern, wenn Deutschland von Norwegen die Leitung der schnellen Eingreiftruppe übernimmt. Jung will den Kampfeinsatz noch in dieser Woche – rechtzeitig zum Nato-Treffen in Vilnius – zusagen.

Doch selbst diese Entscheidung, die seit Monaten ansteht, wird als Überraschung verkauft und als Nothilfe verbrämt. Dass die Bundeswehr in Kabul nicht nur Schulen bauen, sondern auch Krieg führen muss, soll die Öffentlichkeit offenbar nicht erfahren. Dabei kommen wohl bald noch ganz andere Aufgaben auf die deutschen Soldaten zu. Ein Kampfeinsatz im Süden rückt näher, schon im Herbst könnte es so weit sein.

Die Bundesregierung wäre daher gut beraten, sich auf den Ernstfall vorzubereiten. Sie sollte ein neues Mandat vorbereiten, das die bisherigen Beschränkungen aufhebt. Gleichzeitig sollte sie die Entscheidung über Kampfeinsätze an eine neue Nato-Strategie binden. Das US-Konzept eines rein militärischen Antiterrorkriegs ist gescheitert, wie der Süden Afghanistans zeigt. Das deutsche Konzept der vernetzten Sicherheit könnte eine Alternative sein. Es verknüpft ziviles und militärisches Engagement – und stößt zumindest bei Briten und Franzosen auf Gegenliebe. Jung muss in der Nato für sein Konzept kämpfen. Aber seine Soldaten werden auch in Afghanistan kämpfen müssen.

Kommentare zu " Afghanistan: Deutschland muss kämpfen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%