Afghanistan
Falsche Debatten

Wenn sich die Staats- und Regierungschefs der Nato in der nächsten Woche in Riga treffen, wäre es ratsam, wenn sie sich bei ihren Diskussionen über Afghanistan an die mahnenden Worte des Philosophen George Santanyana erinnern: „Jene, die sich nicht der Vergangenheit bewusst sind, sind dazu verdammt, diese zu wiederholen.“

Ein führender US-Diplomat fasste diese Einsicht vor kurzem in die weniger wohlklingenden Worte: „Wir machen in Afghanistan gerade so viel, um das Fiasko im Irak zu wiederholen.“ Aber im Gegensatz zum Irak könnte ein Scheitern in Afghanistans nicht nur Amerikas Glaubwürdigkeit beeinträchtigen, sondern die des gesamten Westens. Geschichte wiederholt sich nicht. Das ist wahr. Der Irak hat Öl, Afghanistan Opium. Der Irak droht durch Bürgerkrieg und Aktionen ausländischer Terroristen auseinander zu fallen, Afghanistans Niedergang könnte immerhin noch gestoppt werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die von der Nato geführte Koalition ihre Fehler in Afghanistan schneller erkennt als die USA unter Bush ihr Versagen im Irak.

Vor diesem Hintergrund zielt die augenblickliche Afghanistan-Debatte in Deutschland auch in die falsche Richtung. Es geht nicht darum, ob deutsche Soldaten im Süden Afghanistans eingesetzt werden sollen – natürlich müssen sie, wenn Deutschland es für nötig erachtet, dass sie überall im Land eingesetzt werden sollten. Was in der deutschen Debatte und in der in den Ländern, die sich in Afghanistan engagieren, fehlt, ist die Einsicht, was alles im Fall des Scheiterns in Afghanistan auf dem Spiel steht und was sich hieraus für Konsequenzen ableiten.

Genauso wie im Irak ist dies nicht eine Frage an die Militärs – sie reihen einen Erfolg an den anderen –, sondern an die Politiker, die erkennen müssen, dass militärische Erfolge kurzlebig sind, wenn man nicht endlich auch die Herzen und Köpfe der Menschen erreicht. Das aber setzt eine langfristige, finanziell gesicherte, gut organisierte Stabilisierungsstrategie voraus, die alle Bereiche staatlichen Handelns umfasst – vom Straßenbau bis hin zur Bekämpfung des Drogenanbaus.

Der Einsatz in Afghanistan ist dabei zugleich die größte Bedrohung für das westliche Verteidigungsbündnis. Vor allem deshalb, weil die Nato damit in Zeiten der Globalisierung den ersten Schritt hin zum Kampf gegen die weltweite Bedrohung durch den islamischen Extremismus getan hat. Soldaten aus Ländern wie Australien, Japan, Finnland und Schweden, von denen die Nato sich in der Vergangenheit eine militärische Partnerschaft erhofft hat, kämpfen heute am Hindukusch Seite an Seite miteinander. Sie sind zu dieser Hilfe von einer souveränen Regierung aufgefordert worden und können nun zeigen, dass der Westen eben gerade nicht die Fehler im Irak wiederholen will, sondern alles daransetzt, einen moderaten, islamischen Staat zu stabilisieren.

Und doch stellt Afghanistan eine wachsende Gefahr dar. Gerade weil das Land so weit weg ist und das Bewusstsein westlicher Politiker für die Bedeutung der Nato-Mission so gering ist. Wenn aber sie und mit ihnen die Öffentlichkeit im Westen nicht verstehen, was in Afghanistan auf dem Spiel steht, ist am Ende auch das notwendige Verständnis für die Opfer, die dafür aufgebracht werden müssen, nur schwer zu wecken.

Um Afghanistan zu einem Erfolgsmodell werden zu lassen, sollte die Politik deshalb schnellstens die folgenden Fehler der Vergangenheit beheben: Erstens fehlt es an einer überzeugenden Strategie, um Afghanistans Drogenanbau – das Land erzeugt immerhin 90 Prozent des weltweiten Opiumanbaus – zu unterbinden. Gibt es hier nicht bald Erfolge, wird man gar nicht so schnell Polizisten, Richter, Soldaten und Beamte ausbilden können, wie sie von den Drogenbaronen bestochen werden. Zweitens muss Präsident Karsai den Machtverlust seiner Regierung in Kabul stoppen. Karsai, so heißt es, ist in Washington populärer und sicherer als im eigenen Land. Drittens: Das multilaterale Aufbaukonzept des Westens hat sich nicht bewährt. Zurzeit sind die Briten für die Drogenbekämpfung zuständig, die Italiener für den Aufbau des Rechtssystems, die Deutschen für die Polizei und die Amerikaner für die Ausbildung der afghanischen Armee. Dies alles funktioniert aber nicht. Viertens: Die Nato muss besser als bisher mit der EU zusammenarbeiten und von ihren Erfahrungen in Sachen „nation building“ profitieren. Beide Organisationen sitzen in Brüssel, doch die Zusammenarbeit klappt nicht.

Mit größerer Vorausschau und mehr politischem Willen kann der Westen ein Fiasko in Afghanistan ähnlich dem im Irak vermeiden. Einfach so weiterzumachen wie bisher führt allerdings zielsicher in die Katastrophe.

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