Afghanistan
Feuerprobe für die Nato

Historische Entscheidung, Schicksalstage: Im Bundestag überhöht man wichtige Abstimmungen gerne mit dramatischen Worten. Die Verlängerung des Afghanistan-Mandats für 2900 Bundeswehr-Soldaten haben die Abgeordneten dagegen gestern fast durchgewinkt.

Obwohl inzwischen, wie nicht nur der polnische Verteidigungsminister Radoslaw Sikorski es formuliert, „bei einem Scheitern in Afghanistan die Zukunft der Nato auf dem Spiel steht“. Das Land am Hindukusch ist, ganz ohne rhetorische Überhöhung, längst zur Schicksalsfrage für den Westen und für den Kampf gegen Terrorismus und für Demokratie geworden. Denn dort ist nach den Anschlägen vom 11.September 2001 die Weltgemeinschaft geschlossen eingerückt, um das islamistische Unrechtsregime der Taliban zu zerschlagen, das internationale Terroristen im Land ausbilden ließ. Vor fast fünf Jahren wurde dann schnell von den USA der Sieg über das Radikalen-Regime verkündet. Tatsächlich gelangen ein Regierungswechsel und eine erste demokratische Wahl in dem verwüsteten Land. Doch ein wirklicher Systemwechsel ist bis heute nicht gelungen.

Das ist auch für die Deutschen verheerend, wenn man die Aussage des früheren Verteidigungsministers und heutigen SPD-Fraktionschefs Peter Struck ernst nimmt, Deutschland werde „auch am Hindukusch verteidigt“. Im Süden Afghanistans liefern sich Nato-Verbände heftige Schlachten mit wiedererstarkten Taliban-Milizen. In Flüchtlingslagern verhungern nach Angaben von westlichen Hilfsorganisationen Kinder. Mohnfelder werden bestellt, und Heroin wird produziert wie seit vielen Jahren nicht mehr. Mit den Drogengeldern finanzieren sich Taliban und regionale Warlords. Auch deshalb stecken US- und britische Verbände die Felder in Brand. Doch dieses Vorgehen verursacht ein riesiges Problem: Afghanistans Bauern verarmen. Wer über Nacht den Drogenanbau ausrotten will, ruiniert – so zynisch das klingt – Afghanistan. In Thailand hat der Übergang vom Heroin-Staat zum asiatischen Tiger 20 Jahre gedauert.

In Afghanistan sollte der Westen deshalb dringend dafür sorgen, dass nicht nur der Anbau von Mais statt Mohn propagiert wird, sondern Straßen gebaut und Absatzmöglichkeiten geschaffen werden, damit die Bauern ihre Produkte auch vermarkten können. Das ist zu lange versäumt worden. Bodenlose Enttäuschung ist die Folge. Schon gilt die neue Regierung Hamid Karsais immer mehr Afghanen als „Lakaien-Regime der Amerikaner“. Die Taliban sind in einigen Provinzen wieder salonfähig. „Brot statt nur Bomben“ muss also das Motto lauten, will der Westen den Kampf um die Köpfe und Herzen der Afghanen nicht verlieren. Tatsächlich lässt sich die Schlacht gegen den Terrorismus nur gewinnen, wenn sie nicht allein militärisch ausgetragen wird. Die enttäuschten Afghanen müssen mit Wirtschafts- und Wiederaufbauprogrammen gewonnen werden. Die Menschen in den betroffenen Ländern müssen spüren, dass Demokratie und Marktwirtschaft nicht leere Phrasen sind, sondern konkret zur Verbesserung ihres Lebens führen.

Allerdings würden wir uns etwas in die Tasche lügen, wenn wir glaubten, uns hinter den Baubrigaden verschanzen zu können. Angesichts der dramatischen Lage in Zentralasien ist es mit Brot allein nicht getan, es braucht auch weiter militärischer Gewalt. Die Bundeswehr war bereits in Kampfgebieten im Einsatz. Auch im Norden Afghanistans macht sie einen soliden Job. Doch was als Normalisierung schulterklopfend gefeiert wird, ist inzwischen schon wieder überholt: Immer mehr Nato-Partner verlangen, dass die Bundeswehr auch zu Kampfeinsätzen in den brennenden Süden Afghanistans vorrückt. Deutschland wird an wirklichen Waffengängen an der Seite seiner Verbündeten nicht vorbeikommen. Scheiterte die Nato in Afghanistan mangels ausreichenden Engagements aller Partner, würde die Allianz als glaubwürdiges Bündnis ausfallen, und Deutschland stünde ohne Sicherheits- und Verteidigungspolitik da. Deshalb ist ein Abzug aus Afghanistan, wie er bereits erörtert wird, keine sinnvolle Alternative. Der Preis, den wir anschließend zahlen müssten, bestünde nicht nur in einer Blamage am Hindukusch.

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