Analyse
Wenn Frauen nerven

Die Wirtschaftskompetenz schwindet, das klassische Frauen- und Familienbild ist zum Abschuss freigegeben, Deutschland wird als Einwanderungsland definiert, das Bekenntnis zur Atomkraft relativiert sich, Patriotismus ist keine Kenngröße mehr – die Union, speziell die CDU, streitet über ihr ideologisches Fundament. Eine Analyse.

Wer den Verlust konservativer Werte fürchtet, bringt es auf einen schneidenden Begriff: Die Sozialdemokratisierung schreitet voran. Das klingt knackig, führt aber in die Irre. Das Feindbild der Modernisierungsskeptiker in der Union ist die Familienministerin. Diese Frau nervt sie. Sie kritisieren ihren Vorschlag, in den nächsten sechs Jahren rund 500 000 Krippenplätze einzurichten, mit Argumenten, die schon beim Elterngeld laut wurden: Ursula von der Leyen richte sich allein am Leitbild berufstätiger Frauen aus und diskriminiere die anderen. Globaler wird daraus die Kritik, mit dieser Ministerin vergraule die CDU ihre konservativen und ländlichen Wähler.

Der unmittelbare Vorwurf ist unsinnig: Hier geht es zunächst nicht um Leitbilder oder gar Diskriminierung, sondern schlicht darum, Notlagen zu vermeiden. Wenn irgendetwas junge Paare vom Kinderkriegen abschreckt, ist es die permanente Hektik, die sie bei berufstätigen Freunden mit Kindern beobachten. Arbeiten und Kinder haben ist in Deutschland ein Nerven aufreibender Balanceakt, der mit dauernden Schuldgefühlen den Kindern, den Kollegen und dem Arbeitgeber gegenüber einhergeht. Das großzügigste Kinder- und Elterngeld bewegt nur wenige, sich in dieses Abenteuer zu stürzen. Krippen und Horte sind da eine pragmatische Lösung, die allerdings für einige in der Union ein anderes Frauenbild bedeutet.

Man muss aber schon Volker Kauder (CDU) oder Alois Glück (CSU) heißen, um die lebensweltliche Erfahrung zu ignorieren und daraus eine ideologische Debatte zu machen. Besondere Sprengkraft erhält die Diskussion, weil sie sich mit jener über schwindende Wirtschaftskompetenz und konservative Werte verschränkt. Die Mahner sind manchmal dieselben, egal, ob es um das Frauenbild oder die Wirtschaftspolitik geht. Richtig ist, dass die CDU sich wieder mehr um ihre Kompetenz in Sachen Wirtschaft kümmern muss. Nur: Das ist kein Gegensatz zu von der Leyens Vorstoß, sondern ergänzt ihn gerade. Der wissensbasierte Kapitalismus wie auch Deutschlands schrumpfende Erwerbsbevölkerung führen dazu, dass jede Frau, erst recht die gut ausgebildeten, dringend gebraucht wird. Eine Gesellschaftspolitik, die Erwerbstätigkeit erschwert, ist wirtschaftsfeindlich. Folgerichtig unterstützt die Wirtschaft auch von der Leyens Absicht.

Kurioserweise stößt diese Argumentation bei manchen Unionisten, die gerade noch über mangelndes Wirtschaftsprofil geklagt haben, sofort auf den Vorwurf technokratischer Kälte. Eine rationale Erklärung dafür gibt es nicht, außer der, dass dem einen oder anderen Christdemokraten die Hose schlottert, wenn er stärkere weibliche Konkurrenz auf dem Markt für gehobene Positionen auf sich zukommen sieht – eine Reaktion, die nicht parteispezifisch ist.

Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende steht hinter von der Leyen. Irrt sie mit ihrem Weg der Modernisierung, der Konflikte mit den Konservativen in der Partei in Kauf nimmt? Vermutlich nicht, denn diese Gruppe wird die CDU kaum verlieren – wo sollte sie hingehen? Zudem büßt sie in der Gesellschaft an Gewicht ein. Dagegen hätte die CDU einen strategischen Vorteil errungen, wenn sie der SPD die Marktführerschaft in der Familien- und Frauenpolitik abknöpfen könnte. Männer mögen das als „weiches Thema“ bespötteln, für Frauen ist es ein verdammt hartes, das ihre Wahlentscheidung beeinflusst. Und darunter leidet bislang speziell die CDU, die ein deutliches Defizit an Frauenstimmen hat.

Die CDU „sozialdemokratisiert“ sich mit Merkels Linie also nicht, sondern sie „christdemokratisiert“ ein Thema, das die SPD besetzt hat. Abgesehen von den Stimmenchancen bei der nächsten Bundestagswahl, bringt diese familien- und gesellschaftspolitische Modernisierung der CDU auch einen koalitionspolitischen Vorteil: Sie schüttet Gräben zu, die ein Bündnis mit den Grünen verhindern. Indem sie von der Leyen ermutigt, denkt Merkel wieder einmal weiter als ihre Widersacher.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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