Asien
Die zweite Welle

Die erste Welle der Krise hat Asien noch einigermaßen überstanden. Während die Börsenkurse von Tokio bis Delhi die gleiche Panik der Investoren widerspiegelten wie die Märkte in Europa und in den USA, klammerten sich die Analysten fest an den Glauben, die asiatischen Schwellenländer könnten sich dem Rezessionsstrudel, der von den USA ausgeht und Europa schnell erfasst, einigermaßen entziehen.

Doch die Hoffnungen sind trügerisch. Inzwischen sacken die ersten Volkswirtschaften in die Rezession. Japan ist das prominenteste Opfer, Taiwan und Singapur stecken in den roten Zahlen, Südkorea ist stark bedroht.

Zwar werden nicht alle Staaten unter der globalen Rezession gleichermaßen leiden, aber die zweite Welle der Finanzkrise erreicht nun auch die soliden Bollwerke. In China grassiert die Angst vor sozialen Unruhen. In der Exportprovinz Guangdong machen Tausende von Kleinbetrieben dicht, weil ihnen die Aufträge wegbrechen. Chinas Wirtschaft wächst zwar allen Prognosen zufolge auch 2009 noch solide. Doch erste Verwerfungen am Arbeitsmarkt machen der Regierung bereits zu schaffen. Und den Ausbruch von Arbeiterunruhen fürchtet Peking mehr als alles andere. In Indien, das in diesem Jahr ebenso wie China noch ein stolzes Wachstum bilanzieren kann, rüsten sich die Unternehmen für härtere Zeiten. Viele misstrauen der offiziellen Prognose von neun Prozent Wachstum, produzieren sie doch jetzt schon für die Warenlager.

Der weltweite Abschwung erfasst auch jene Regionen, die lange als immun gegen das Rezessionsvirus gegolten haben. Für die Schwellenländer Asiens bedeutet das ein unheilvolles Déjà-vu. Denn vor elf Jahren fegte schon einmal ein Rezessionssturm über die Region, der Währungen, Banken und Unternehmen in ihren Grundfesten erschütterte.

Doch während damals hausgemachte Fehler für den Ausbruch der Finanzkrise ursächlich waren, muss die Region heute den Sturm unverschuldet über sich ergehen lassen. Denn nach der Krise 1997/98 haben die Asiaten alles richtig gemacht: Das Bankensystem wurde gestärkt, das System fester Wechselkurse aufgeben. Hohe Devisenreserven und eine bessere Zusammenarbeit der Zentralbanken haben die Währungen gefestigt.

Auch die Schwellenländer Asiens haben unter den hohen Rohstoff- und Energiepreisen leiden müssen. Aber der rapide Fall der Ölpreise macht es ihnen nun umso leichter, mit klassischen Mitteln gegen die Rezession anzukämpfen. Zum Beispiel Indien: Obwohl die Inflationsrate noch bei neun Prozent liegt, drängen die Unternehmer die Zentralbank zu einer drastischen Senkung der Zinsen um bis zu 300 Basispunkte. Ihr Kalkül: Nur wenn die Verbraucher mehr Geld in der Hand haben, kann das stark von der Binnennachfrage abhängige Wachstum aufrechterhalten werden. Der nachlassende Druck an der Ölpreisfront kommt Indien sehr zugute, denn Energiekosten haben am stärksten zur Inflation beigetragen.

Von der gleichen Überlegung geht auch China aus. Mit staatlichen Investitionsprogrammen, Lockerungen für Kredite an Mittelständler und Verbraucher versucht Peking, das Wachstum bei jenen magischen acht Prozent zu halten, die notwendig sind, um die Jobs der Tagelöhner zu retten. Anders als Indien bemüht sich China darüber hinaus aggressiv, neue Märkte zu erschließen. Gerade hat Präsident Hu Jintao ein Freihandelsabkommen mit Peru unterzeichnet. Auf der Konferenz der Apec-Staaten in Lima am Wochenende ist die Ausweitung des Freihandels ein Kernthema.

Wenn Asien aus der globalen Rezession mit einem blauen Auge davonkommen sollte, dann liegt es am beträchtlich ausgebauten Handel mit Afrika und Lateinamerika, aber auch zwischen den asiatischen Ländern. Die Exportabhängigkeit von den USA und Europa gehört der Vergangenheit an. Zwar zeigt die Verflechtung der Finanzmärkte, dass eine Abkopplung vom Wirtschaftsgiganten Amerika eine Illusion ist. Aber die asiatischen Schwellenländer haben auch Rückversicherungen aufgebaut, die es ihnen bis zu einem gewissen Grad erlauben, gelassener als die Europäer zu bleiben, bei denen die Krisenstimmung ebenso wie in den USA sprunghaft zunimmt.

Aus dem Debakel von 1997/98 haben die Asiaten gelernt. Sie wissen, dass ihre Wirtschaften heute auf soliderem Fundament stehen. Aber geschützt vor den weltweiten Stürmen sind sie nicht, das zeigt die zweite Welle der Finanzkrise.

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