Atomstreit
Kernenergie: weiter prüfen, weiter forschen

Der neue Streit um Gorleben darf den Weg zur Endlagerung nicht blockieren. Denn es erhöht nur die Risiken, wenn das Problem ungelöst bleibt.
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Ein Gutachter meldet sich mit dem Vorwurf, er sei beim Thema "Gorleben" politisch unter Druck gesetzt worden. Ein bemerkenswerter Vorgang. Aber man muss ihn im Zusammenhang sehen: Es handelt sich nur um ein Gutachten unter vielen. Verwunderlich ist auch, dass der Mann erst jetzt an die Öffentlichkeit geht. Spätestens zur Zeit der rot-grünen Koalition hätte man seinen Vorwürfen sicher gerne Gehör geschenkt. Es wäre daher falsch, das Projekt jetzt ganz auf Eis zu legen und auf weitere Prüfungen zu verzichten. Geboten ist vielmehr eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Unbestritten ist zweierlei: Erstens hat man in Deutschland weltweit am frühsten begonnen, die Voraussetzungen für ein nationales Endlager für Atommüll auszuloten. Schon in den 70er-Jahren begannen die Arbeiten für ein integriertes Entsorgungszentrum in Gorleben. Zweitens besteht nach wie vor parteiübergreifend Konsens, ein Endlager in Deutschland zu bauen. Damit endet freilich das Einvernehmen.

Streit gibt es darüber, ob neben dem Salzstock in Gorleben noch weitere geologische Formationen erkundet werden sollten. Während der sozialdemokratische Bundesumweltminister Sigmar Gabriel in der nächsten Dekade eine parallele Suche aussichtsreicher Standorte organisieren will, fordert die Union den Abschluss der Eignungsuntersuchung von Gorleben.

Es steht fest, dass in Gorleben ein Milliardeninvestment als Vorleistung getätigt worden ist. Ein Abschluss der Arbeiten scheitert aber seit Jahren daran, dass zunächst gerichtliche Auseinandersetzungen und danach politische Blockaden zu einem Moratorium führten. Weitere Erkundungen sind jedoch unerlässlich, um die Eignungsfähigkeit des Salzstocks als Endlager für Atommüll endgültig bewerten zu können. Notwendig ist daher eine ergebnisoffene Fortsetzung der Untersuchung. Sie sollte ohne Zeitdruck und politische Einflussnahme erfolgen - auch unter Einschaltung internationaler Experten. Damit würde kein gutes Geld schlechtem Geld nachgeworfen, sondern die schon getätigten Vorlaufinvestitionen könnten sinnvoll weitergeführt werden.

In jedem Fall stellen gesicherte Untersuchungsergebnisse eine wichtige Flankierung parallel ablaufender internationaler Erkundungen anderer geologischer Formationen dar. Erst wenn sich herausstellen sollte, dass die Endlagerung in Gorleben als zu riskant beurteilt werden muss, wäre es notwendig, weitere geologische Formationen auch in Deutschland zu erkunden.

Die von Gabriel immer wieder aufgebrachte Frage nach den Beurteilungskriterien ist durch viele Expertenrunden in der Vergangenheit weitgehend beantwortet worden. Ein weiteres Moratorium bei der Erkundung von Gorleben kann hierdurch nicht gerechtfertigt werden.

Im schlimmsten Fall könnte sich herausstellen, dass in Deutschland überhaupt keine geeigneten geologischen Formationen für eine sichere Endlagerung zu finden sind. Diese Sackgasse aller Bemühungen ist nicht auszuschließen. Wenn sich das herausstellt, müssen internationale Kooperationen zustande kommen. Die isolierte nationale Entsorgungslösung ist ohnehin nur begrenzt sinnvoll, denn in einer Reihe kleinerer Staaten, die die Kernenergie nutzen, stehen keine geeigneten geologischen Formationen zur Verfügung.

Internationale Endlager sind vor allem in den 90er-Jahren intensiv diskutiert worden; diese Gespräche sind allerdings ins Stocken geraten. Das ist umso bedauerlicher, weil der deutsche Kernenergieausstieg im Ausland kaum noch Nachahmer findet. Im Gegenteil: Immer mehr Staaten setzen auf die nukleare Stromerzeugung. Die Bundesregierung wäre daher gut beraten, in der EU darauf zu drängen, dass die Erkundung von Entsorgungswegen forschungspolitischen Vorrang erhält.

Durch die Zwischenlager und die französische Variante einer "rückholbaren Endlagerung" mindert sich zwar der Zeitdruck für die Endlagersuche. Dennoch muss dieses Thema wieder auf die internationale Agenda. Sonst drohen weltweit "wilde Atommüllkippen" zu entstehen. Dabei geht es nicht allein um die internationale Abstimmung der Entsorgungsstrategien. Es müssen auch effizientere Verfahren der Stromerzeugung entwickelt werden, bei denen weniger Müll anfällt.

Eine deutsche Vorreiterrolle kommt aber nur infrage, wenn die Perspektiven der Kernenergie vorurteilsfrei ausgelotet werden können. Die Chance auf technische Innovationen sollte nicht vorschnell politisch verschüttet werden. Deutschland war in den 70er- und 80er-Jahren in der Entwicklung relativ sicherer Kernenergiekonzepte einschließlich Entsorgung führend. Dieses Wissen geht unwiderruflich verloren, wenn dieser CO2-freie Energieträger politisch ausgebootet wird.

Über die Blockade von Gorleben wollen die Kernenergiegegner den Ausstieg verewigen. Solange Entsorgungsprojekte vertagt werden, stockt aber auch der Fortschritt. Statt nachprüfbarer wissenschaftlicher Ergebnisse dominiert politische Willkür. Hierdurch werden die Risiken insgesamt zunehmen, und zwar sowohl beim Betrieb von Kernenergieanlagen als auch bei der Endlagerung von Atommüll.

Die Herausforderungen beim Einsatz dieses Energieträgers mit weitreichenden Rohstoffreserven und CO2-Neutralität können nur im internationalen Verbund bewältigt werden. Ein Spiel auf Zeit hilft keinem weiter. Die Forschung muss auch in diesem Sektor ohne Diskriminierung möglich sein.

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