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Ein unbewiesener Verdacht

Lassen wir Vermutungen und Ironie beiseite, wenn die Rede von Mord ist und dieser „indirekt“ dem Präsidenten von Russland zugeschrieben wird. Ich wäre einer der Ersten, die Wladimir Putin als Mörder brandmarkten, gäbe es für diese Behauptung auch nur halbwegs überzeugende Begründungen.

Doch es gibt sie nicht, und es kann sie im Prinzip auch nicht geben. Ebenso gut könnte der Mord an Martin Luther King dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy oder der Mord an Kennedy selbst seinen damaligen politischen Gegnern zugeschrieben werden. Der Mord an Alexander Litwinenko hat Russland und Putin einen enormen Schaden zugefügt. Ebenso wie der Mord an Anna Politkowskaja oder der Anschlag auf Jegor Gaidars Leben. Das sind furchtbare Fakten aus der russischen Wirklichkeit von heute. Ich selbst habe einen Kommentar darüber geschrieben, der bei RIA Novosti unter dem Titel „Das erschossene Gewissen der Nation“ veröffentlicht wurde. Aber Anna Politkowskaja war nicht bloß eine politische Opponentin Putins, sie war darüber hinaus auch seine persönliche Feindin. Doch wäre ich dabei nie auf die Idee gekommen, Putin habe Auftragsmörder losgeschickt.

Warum betrachten politische Beobachter im Westen den Mord an Litwinenko unter diesen Vorzeichen? Nun, einfach darum, weil sie vom Mord an Litwinenko ausgehend in den Bereich der Geopolitik überwechseln, in der von Georgien bis Iran alles Üble – man beachte! – von der „despotischen“ Putin-Regierung komme. Man sollte den russischen Präsidenten weder dämonisieren noch idealisieren. Die Behauptung aber, dass jeder Schritt Putins in Russland stürmischen Beifall ernte, wäre ebenso falsch wie die Behauptung, jeder seiner Schritte sei ein Ausbund an Staatsweisheit. Vor kurzem fand in Moskau eine große Demonstration der Gegner Putins statt. Hauptsächlich waren das Menschen, die Russlands Zukunft anders sehen und Demokratie und staatliche Einrichtung anders verstehen. Ich finde, das ist normal – im Unterschied dazu, wie die Regierung auf diese Demonstration reagierte. Ganze Armeen von Polizisten wurden eingesetzt, ihre Zahl überstieg das zulässige Ausmaß und rief Bitternis hervor. Darüber schreibt die demokratische Presse mit sehr viel Sarkasmus. Doch keiner von den Tausenden Demonstranten trug Transparente, auf denen Putin der Morde an Politkowskaja und Litwinenko beschuldigt worden wäre. Dabei wäre es ein Thema gewesen, das „sehr viel hergibt“. Es wäre also ausgesprochen falsch, Putin, der ohnehin sein großes Ansehen im Westen verloren hat, als einen kleinlichen, rachsüchtigen Menschen zu bezeichnen.

Der Appell an Wladimir Putin, sich zu beeilen, „um den Platz in der Geschichte einnehmen zu können“, löst bei mir eine mehrdeutige Reaktion aus. Geben wir es doch zu: Es ist irgendwie provinziell und auch wohl sehr naiv, an einen Staatschef mit solchen billigen und am Ende sinnlosen Worten zu appellieren. Man stelle sich nur vor, ich würde morgen einen persönlichen Brief an Herrn Bush schreiben und ihn darin auffordern, den Krieg im Irak zu beenden, sonst würde er nicht so in die Geschichte eingehen, wie ich es gern hätte. Sowohl Bush als auch Putin werden, so, wie sie sind, und mit all ihren Stärken und Schwächen ihre Plätze in der Geschichte einnehmen. Auf der anderen Seite gebe ich all jenen Recht, die meinen, dass mein Land vor einer Wahl steht, sich entweder in die zivilisierte Welt zu integrieren oder als der Erbe von Lenin und Stalin aufzutreten. Diese Befürchtungen teilen übrigens Tausende und Abertausende Bürger im heutigen Russland. Es ist besonders stark in dieser Woche zum Ausdruck gekommen, als das Land den 100. Geburtstag von Leonid Breschnew groß gefeiert hat. Ich gehöre einer Generation an, die gerade unter Breschnew aktiv ins Leben getreten ist. Ich verstehe nur zu gut, wie eine Restaurierung des Stalinismus aussieht

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Ich habe eine besondere Antenne für solch eine Entwicklung. Vielleicht habe ich das von meinem Vater geerbt, dem Chefingenieur einer Kohlengrube im Kusnezkbecken. Er hat mir erzählt, als Chruschtschow entlassen wurde, kamen Leute von der Parteileitung in sein Arbeitszimmer und forderten ihn auf, das Porträt von Chruschtschow von der Wand zu nehmen. „Ich habe es nicht dort hingehängt“, bekamen sie zur Antwort. Das Gefühl der eigenen Würde und die Ablehnung der Rückkehr zu alten Zuständen sind heute die wichtigste Garantie dafür, dass die Mehrheit der russischen Bürger weder die Stalin- noch die Breschnew-Zeit zurückhaben wollen. Deshalb glaube ich, dass wir die Angst der Machthaber vor dem Verlust der Kontrolle über das Land mit dem Versuch verwechseln, das Land in eine andere Epoche zurückzuversetzen.

Und zum Schluss noch etwas. Die Realität ist viel komplizierter, als dass man ohne weiteres sagen könnte, auf wessen Feld der Ball heute ist. Ich bin über einige heutige Tatsachen im russischen Leben empört. Zum Beispiel bin ich darüber aufgebracht, dass Georgier aus Russland verbannt werden. Aus diesem Grund habe ich meine Unterschrift unter den Appell gesetzt, diesen schändlichen Praktiken ein Ende zu setzen und in Moskau ein Denkmal der Kultfiguren aus dem 80er-Jahre-Film „Mimino“ mit dem Georgier Misandari und dem Armenier Chatschikjan zu errichten. Sobald also Scotland Yard die wirklichen Mörder von Litwinenko und die russische Staatsanwaltschaft die Mörder von Politkowskaja finden werden, werden sich im Westen viele Leute wegen dieser Hetze gegen den russischen Präsidenten schämen müssen.

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