Außenspiegel
„Aufschwungsgetöse gleicht einem Piepslaut“

Ein Kommentar im „Wall Street Journal“ entzaubert die deutsche Zahlenhexerei um den Aufschwung. Fazit der Zeitung: Was hierzulande wirtschaftliche Erholung genannt wird, gilt in den USA fast schon als Bruchlandung. Euphorische deutsche Manager müssten offenbar neu geeicht werden.

Der Titel des Kommentars im Wall Street Journal Europe, „The real jobless recovery“, spielt auf eine amerikanische Diskussion an, nach der wirtschaftliches Wachstums in Zukunft keine neuen Arbeitsplätze mehr schaffen wird. Den Lesern wird empfohlen, doch nur einmal nach Deutschland zu blicken, dort sei „Erholung ohne Arbeitsplätze“ Realität. Hierzulande geistere aber gerade der „deutsche Konjunkturaufschwung“ durch die Medien. Das Journal behauptet dagegen, weder gebe es einen Aufschwung in Deutschland, noch sei der so genannte Aufschwung hausgemacht.

Der Artikel in der englischen Originalfassung lesen Sie  hier.

Das Journal schreibt: „Was in diesen Tagen in Europa als wirtschaftliche Erholung durchgeht, würde in den USA als harte Landung angesehen werden. In der vergangenen Woche hob der Internationale Währungsfonds seine Wachstumsprognose für die größte Wirtschaft Europas von 1,2 Prozent auf – halten Sie den Atem an - 1,3 Prozent an. Gleichzeitig senkte er die Vorhersage für das nächste Jahr von 1,5 auf 1 Prozent. Selbst die gestrige optimistische Vorhersage der sechs führenden deutschen Wirtschaftsinstitute prophezeit lediglich 1,8 Prozent Wachstum für dieses und 1,2 für das nächste Jahr.“ Diese angebliche Erholung gleiche eher einem „Piepslaut“ aus der Wirtschaft.

Die Zeitung argumentiert, der Ifo-Geschäftsklimaindex sei zwar so hoch wie seit 1991 nicht mehr, und auch der Dax habe die höchsten Stände seit 5 Jahren erreicht. Manager, die darauf aber schon euphorisch reagieren, müssten offenbar „neu geeicht“ werden: „Das derzeitige Ifo-Geschäftsklima würde normalerweise einem Wirtschaftswachstum von 5 Prozent entsprechen. Das werden die Deutschen in der nächsten Zukunft aber nur noch aus ihren Geschichtsbüchern kennen.“ Das Blatt zitiert den Chefvolkswirt Europa der Bank of America, Holger Schmieding: „Im Vergleich zur ziemlich trostlosen jüngsten Vergangenheit erscheint eine bescheidene Verbesserung schon als ein solcher Wandel, dass das Geschäftsklima sofort raketenartig ansteigt.“

Das Wall Street Journal fährt fort: „Diese Piepslaute (oder die Erholung, falls Sie Deutscher sind) können auch nicht wirklich als deutscher (Aufschwung, Anmerkung der Redkation) bezeichnet werden. Denn das bisschen an wirtschaftlichem Wachstum wird vor allem vom Export angetrieben. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft in diesem Sommer halten es die Deutschen für ein gutes Omen für ihr Nationalteam, dass auch ihre Unternehmen Exportweltmeister für Industrieprodukte sind. Aber genau wie im Profifußball spielen die deutschen Firmen mit Mannschaft, die zunehmend aus Ausländern besteht: Einen wachsenden Teil ihrer besonders profitablen Produktion verlagern sie ins Ausland.“

Natürlich würde Deutschland damit noch nicht zur einer „Basar-Wirtschaft“. Diese Entwicklung helfe deutschen Firmen aber, wettbewerbsfähig zu bleiben. „Erstickende Bedingungen“ für die deutsche Wirtschaft seien dafür verantwortlich, dass Firmen ihre Ressourcen ins Ausland verlagern, anstatt in Deutschland zu investieren: „Und wer könnte den Unternehmen ihr Handeln verdenken? Eine dringend benötigte Reform der Unternehmenssteuern kommt erst 2008, während die Koalitionsregierung über eine neue Reichensteuer streitet. Der Arbeitsmarkt wird unnachgiebig und die Lohnnebenkosten hoch bleiben. Stattdessen ist die Regierung darauf fixiert, das Haushaltsdefizit zu verringern. Keine schlechte Idee. Aber anstatt die Ausgaben zu senken, ist Berlin mehr daran interessiert, neue Einnahmequellen zu finden. Daher auch die Mehrwertsteuererhöhung und die Reichensteuer." Das Journal schließt: "Erholung ohne neue Arbeitsplätze? Ja. Eine Erholung ist das nicht.“

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