Automobilindustrie
Detroiter Tragödie

General Motors kürzt seine Produktionspläne für den Rest des Jahres drastisch. Der Ford-Chef spricht sogar vom Ende des „klassischen Geschäftsmodells“.

Die amerikanischen Autohersteller, darüber herrscht inzwischen Einigkeit, stecken in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Die Not ist groß: In den vergangenen 15 Jahren fiel der Anteil der „Big 3“ aus Detroit auf dem heimischen Automarkt von 75 auf 50 Prozent. Für diese dramatische Entwicklung gibt es einen ganz entscheidenden Grund: Es sind die asiatischen Hersteller, allen voran die Japaner um Toyota, Honda und Nissan, die die Schrumpfkur der amerikanischen Platzhirsche auslösen. Mit einer langsam, aber stetig voran getriebenen Wachstumsstrategie haben sie General Motors & Co. in die Enge getrieben.

Die Asiaten denken dabei nicht in Quartalen oder Jahren, sondern gleich in Jahrzehnten. Schritt für Schritt haben sie ihre Basis in Nordamerika ausgebaut. Ganz wesentlich ist dabei ihre Produktionsstrategie: Um die Akzeptanz bei potenziellen amerikanischen Kunden zu stärken, hat einige asiatische Firmen regelmäßig neue Werke in den USA eröffnet. Wer auch Jobs anbietet, kann Sympathiepunkte für sein Unternehmen buchen. Und damit erhöht sich eben die Chance, dass dessen Produkte auch gekauft werden. Die Zahlen sprechen für sich: In den letzten 15 Jahren haben die Japaner ihren Marktanteil in den USA auf fast 40 Prozent verdoppelt.

Noch ein anderer wichtiger Punkt kam hinzu: Der US-Automarkt ist in den vergangenen Jahren kaum noch gewachsen. Da die Asiaten immer neue Produktionskapazitäten ins Land brachten, musste es am Ende Verlierer geben. Und das waren GM, Ford und Chrysler, die behäbigen amerikanischen Riesen, die nicht rechtzeitig auf die Attacken der neuen Konkurrenz reagiert haben. Doch Toyota, Honda und Nissan geben sich mit dem Erfolg auf dem amerikanischen Markt nicht zufrieden. Sie halten Ausschau nach der nächsten Expansionsmöglichkeit. Und die langfristig angelegte und sehr erfolgreiche Strategie aus Nordamerika liefert eine Blaupause – für Europa.

Die aktuellen Bedingungen auf dem Alten Kontinent sind auf den ersten Blick durchaus mit der Situation in den USA vergleichbar. Der europäische Automarkt hat seine stärksten Wachstumsphasen schon lange hinter. Etablierte Anbieter wie VW aus Deutschland, Peugeot aus Frankreich und Fiat aus Italien kämpfen verzweifelt gegen die Wachstumsschwäche auf ihren Heimatmärkten an. Hohe Löhne, eine vergleichsweise niedrige Produktivität und die geringe Flexibilität der Belegschaften setzen ihnen zu.

Die Asiaten haben diese Schwächen der Europäer erkannt. Wie in den USA entstehen der Reihe nach neue Werke mit hoher Produktivität. Toyota hat Fabriken in Frankreich, Tschechien und Polen in Betrieb genommen, der koreanische Konkurrent Hyundai plant ein Werk in der Slowakei.

Den Asiaten hilft auch der Euro: Die europäische Gemeinschaftswährung sorgt zumindest in Ansätzen für einen einheitlichen Wirtschaftsraum und macht Europa den USA damit ein wenig ähnlicher. Die Kalkulation wird für die Automobilhersteller aus Asien jedenfalls deutliches einfacher.

Aber noch gibt es einen großen Unterschied zwischen den USA und Europa: Während die „Big 3“ aus Detroit die neue Konkurrenz aus Asien über Jahre hinweg nicht richtig ernst genommen haben, können die europäischen Hersteller jetzt noch auf die neue Herausforderung aus Japan und Korea reagieren.

Das heißt an erster Stelle, das eigene Haus in Ordnung zu bringen. Volkswagen und andere müssen ihre Produktivität deutlich steigern, wenn sie mit einem Konkurrenten wie dem Toyota-Konzern mithalten wollen. Die Japaner sind der Weltmeister in Sachen Effizienz, sie sind der wahre Maßstab für die Europäer in der Produktionstechnik. Mit reinem Kostendenken ist es allerdings nicht getan. Die etablierten westeuropäischen Hersteller müssen sich neue und bislang weniger genutzte Absatzmöglichkeiten erschließen. Osteuropa liegt vor der Haustür, gerade Russland entwickelt sich immer besser. Die europäischen Hersteller benötigen unbedingt eigene Werke.

Die amerikanischen Hersteller hatten ferner nicht daran gedacht, in umweltschonende und verbrauchsarme Antriebstechniken zu investieren. Insbesondere die deutschen Unternehmen haben auf diesem Feld durchaus einiges zu bieten, gerade was den Diesel-Antrieb betrifft. Wenn die Europäer dieses Know-how nutzen und ausbauen, können sie die Herausforderung aus Asien bewältigen. Eine Tragödie wie in Detroit muss sich in Europa jedenfalls nicht wiederholen. Zumindest nicht so schnell.

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