Banken
Mehr Courage

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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen hat neben dem berühmten Roman „Simplicius Simplicissimus“ auch eine Erzählung über die „Courasche“ hinterlassen. Diese Dame, die Bertolt Brecht als Vorbild für seine rührselige „Mutter Courage“ diente, schlug sich mitten im Dreißigjährigen Krieg als Marketenderin, Kurtisane und, als Mann verkleidet, Landsknecht und Beutemacher durch. Dabei war sie auf einem Feldzug in Oberitalien so erfolgreich, dass sie monatlich 1000 Kronen „per Wechsel“ zu ihrer Familie nach Prag schicken konnte, wie Grimmelshausen ganz nebenbei erwähnt.

Per Wechsel? Mitten in einem der längsten und schrecklichsten Kriege der Geschichte? Grimmelshausen erläutert das Verfahren nicht im Detail. Wir müssen uns aber vorstellen, dass die Courasche ihr Geld einem italienischen Bankier übergab und die Verwandten sich den Wechsel bei einem Bankier in Prag auszahlen ließen.

Diese beiden Bankiers hatten also Vertrauen zueinander, trotz Krieg und weiter Entfernung. Sie gaben sich gegenseitig Kredit und glichen nur ab und zu einen auflaufenden Saldo in bar oder durch ein Handelsgeschäft aus. Die heutigen Banken dagegen misstrauen sich gegenseitig – mitten im Frieden und auch dann, wenn sie vis-à-vis in derselben Straße residieren.

Zwar hat sich die Lage am Interbankenmarkt wieder leicht entspannt. Das kann aber nicht davon ablenken, dass die Finanzkrise ein Problem offengelegt hat, für das sich bisher keine Lösung abzeichnet: Die Bankenwelt ist so kompliziert geworden, dass sich die Banken darin selbst nicht mehr zurechtfinden und daher jede jeder misstraut. Keine weiß, was die andere in den Büchern stehen hat und wie sie es bewerten soll beziehungsweise korrekterweise bewerten sollte. Deshalb stockt der Markt für Interbankenkredite.

Bisher hat der Staat dieses fehlende Vertrauen ersetzt. Die Notenbanken haben rund um die Welt immer wieder Liquidität in den Markt gepumpt. Oder sie haben die Möglichkeit geschaffen, Sonderkredite zu ziehen. Oder sie haben den Rahmen der Sicherheiten erweitert, die sie im Gegenzug für einen Kredit akzeptieren. Oder sie haben, wie die britische Notenbank, praktisch eine staatliche Bestandsgarantie für ein angeschlagenes Institut gewährt. Oder die Finanzaufsicht hat, wie in Deutschland, zwei Banken gerettet und damit deutlich gemacht, dass sie nichts anbrennen lassen will.

Dies alles ist sehr löblich. Aber das Finanzsystem hat über Jahrhunderte hinweg auf dem Vertrauen beruht, das Bankiers gegenseitig pflegten. Das funktionierte manchmal sogar, wenn ringsum die Staaten in Trümmer fielen. Heute sind wir dagegen an einem Punkt, wo der Staat das mangelnde Vertrauen der Banken untereinander auffangen muss.

Und was tun die Banken dagegen? Zu wenig. Diesen Eindruck erwecken sie jedenfalls. Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, hat Transparenz versprochen und seine Kollegen zur Nachahmung aufgefordert. Das ist ebenfalls löblich. Aber wird es irgendeine Wirkung zeigen? Oder verlässt sich die Branche darauf, dass ihr der Staat vorschreibt, was sie zu tun hat, um bei nächster Gelegenheit vor zu viel Regulierung zu warnen?

Die Finanzbranche stellt ihre Glaubwürdigkeit infrage. Es wäre fatal, wenn sich der Eindruck verdichten sollte, dass sie die Probleme, die sie mit modernen Instrumenten wie der Kreditverbriefung geschaffen hat, nicht aus eigener Kraft in den Griff bekommen würde. Wer soll ihren Innovationen trauen? Wie will sie Kritikern entgegentreten, für die die Finanzbranche – Banken, Hedge-Fonds, Private Equity – ohnehin ein bequemes Feindbild abgibt? Je hilfloser sich die Branche präsentiert, desto mehr unbequeme Gesetze wird sie sich einhandeln.

Es reicht also nicht aus, den Kopf einzuziehen und abzuwarten – und mit der staatlichen Garantie im Rücken eine saftige Dividende anzukündigen wie die britische Bank Northern Rock. Oder die Zusatzliquidität der Notenbanken für ein nettes Zusatzgeschäft zu nutzen. Das Grundproblem, dass keiner durchblickt, wo die Risiken stecken, kann jederzeit wieder auftauchen. Die Banken müssen so viel Transparenz entwickeln, wie sie selber benötigen. Sie können nicht bis in alle Ewigkeiten warten nach dem Motto: Wer als Erster über Probleme redet, ist der Dumme. Sie müssen auch ihre Geschäftspraktiken überarbeiten. Die Methode „Hau weg den Kredit, und kümmere dich nicht mehr drum“ ist eben doch nicht so ideal. Wenn die Banken keine Wege finden, den Kreditverkäufer, der den Kunden kennt, in der Verantwortung zu halten, werden ihnen die Politiker vorschreiben, wie das zu laufen hat.

Die Branche benötigt also Fantasie und etwas mehr Courage. Schließlich erwartet sie ja auch von Kunden und Aktionären den Mut, ihr Geld anzuvertrauen.

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