„Berlin Mitte“ setzt im TV-Wahlkampf die Höhepunkte
Illner bringt sogar Schröder ins Schwitzen

Das Beste kommt manchmal erst nach der Sendung. Wenn die Gladiatoren das Podium von "Berlin Mitte" verlassen und, noch voll unter Dampf, im VIP-Raum eine Etage höher rhetorisch weiterraufen: ohne vorgestanzte Floskeln, ohne Beifall heischenden Populismus - und zu Rotwein statt mit Mineralwasser.

BERLIN. So vergangenen Donnerstag: Mit geröteten Köpfen stehen CDU-Ministerpräsident Roland Koch und SPD-Superminister Wolfgang Clement beisammen. Koch liest auf seinem Blackberry die ersten SMS mit Reaktionen auf seinen Auftritt bei "Berlin Mitte" und geht gleichzeitig in den Clinch mit Clement. Nicht mehr durch Moderatorin Maybrit Illner abgefedert, sondern auf Tuchfühlung wie zwei Boxer streiten die beiden mit zunehmender Schärfe über gesetzliche Öffnungsklauseln für Tarifverträge: Bringen sie Jobs? Oder zerstören sie nur den Betriebsfrieden?

Aus dem Schattenboxen im Studio wird ein Schlagabtausch, bei dem es nicht mehr um Sympathiepunkte geht. Schade für die Zuschauer, denn die spannendsten Momente des politischen Fernsehabends bleiben ihnen dieses Mal verborgen.

Oft ist das bei "Berlin Mitte" und Maybrit Illner anders. Ist die Sendung richtig gut, gehört sie zum Besten, was die politische Fernsehrepublik zu sehen bekommt. Die Sendung mit dem Bundeskanzler vor zwei Wochen war so ein Highlight dieses Fernsehwahlkampfes. 2,7 Millionen Zuschauer sahen einen Gerhard Schröder, der erstaunlich defensiv wirkte. Nicht allein die präzisen Fragen von Moderatorin Illner trieben den Kanzler in die Enge, sondern auch ein Kunstgriff der Redaktion: In einem Stakkato kurzer Einspielfilme wurde Schröder mit eigenen Aussagen oder Statements von Wählern und Parteifreunden konfrontiert, die ihn teilweise sichtlich verunsicherten.

In diesem extrem kurzen Wahlkampf wird die Kampagne mehr denn je zu einem Fernsehereignis. Jeden Abend gibt es auf einem der öffentlich-rechtlichen oder privaten Kanäle Politik satt: mal Berliner ZDF-Runde mit einem heiseren Spitzen-Grünen Joschka Fischer und einem hektischen Edmund Stoiber, mal antwortet Schröder Bürgern im WDR, mal Oskar Lafontaine gegen Friedrich Merz bei Sabine Christiansen in der ARD. "So etwas wie diesen Wahlkampf habe ich noch nie erlebt, so kompakt, wir mussten den gesamten Sendeplan des ZDF umstellen", sagt "Berlin Mitte"-Redaktionsleiter Klemens Mosmann.

Die Fülle täuscht: Vieles ähnelt einander, selten geht es über die einstudierten Parolen und Paraden hinaus. Wenn es eine Ausnahme gibt, dann am ehesten bei "Berlin Mitte".

Den "Mitte"-Machern um Moderatorin Illner schien selbst der Medien-Kanzler nicht gewachsen. Da beklagten fünf Wähler aus dem Osten, sie fühlten sich von Schröder übers Ohr gehauen; der von der SPD zur WASG übergetretene Uli Maurer kritisierte Schröder als Totengräber der klassischen Sozialdemokratie; der Grüne Christian Ströbele erregte sich über die angeblich unsoziale Hartz-IV-Reform; Berlins SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin warf Schröder vor, mit der Reichensteuer in klassische sozialdemokratische Reflexe zurückzufallen.

Seite 1:

Illner bringt sogar Schröder ins Schwitzen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%