Bertelsmann
Schöne Bescherung

Um einprägsame Bilder ist RTL-Chef Gerhard Zeiler nie verlegen. Um dem neuen Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski die Situation von Europas größtem Fernsehkonzern klarzumachen, wählte der Österreicher den simplen Vergleich mit einem Rindvieh.
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Er zeigte eine Melkkuh mit einem prallvollen Euter auf der Bühne der Bertelsmann-Managementtagung in Berlin. Denn der TV-Manager verkündete eine einfache Botschaft: Eine Kuh kann nur dann kräftig gemolken werden, wenn sie auch genügend Heu zu fressen bekommt.

Das fehlende Futter ist genau das Problem von RTL. Der Luxemburger Fernsehkonzern – mit Abstand der größte Gewinnbringer von Bertelsmann – braucht auch Zukäufe, um die ehrgeizigen Wachstumsziele des Gütersloher Familienunternehmens erfüllen zu können. Doch bei Akquisitionen wird RTL vom Mutterkonzern kurzgehalten. Zuletzt wollte Zeiler die türkische Fernsehgruppe ATV-Sabah kaufen. Doch aus Gütersloh kam ein Veto. Das schnell wachsende Medienunternehmen in der Türkei ging für 1,1 Milliarden Euro an die türkische Gruppe Turkuaz. RTL guckte zum großen Ärger von Zeiler in die Röhre.

Denn Bertelsmann hatte schließlich andere Pläne mit dem Geld. Der Konzern strebte ursprünglich eine Komplettübernahme von RTL für rund 1,3 Milliarden Euro an. Dieses Vorhaben ist kurz vor Weihnachten überraschend gescheitert. Offiziell macht Bertelsmann gesetzliche Unklarheiten im Luxemburger Gesetz für die Niederlage verantwortlich. Doch tatsächlich war das Vorhaben, die restlichen zehn Prozent von RTL zu übernehmen, miserabel vorbereitet. Denn die Gesetzeslage hatte sich in den vergangenen Wochen nicht geändert. Vor allem Finanzvorstand Thomas Rabe, der lange Jahre bei RTL in Luxemburg war, kennt die Börsengesetze und politischen Empfindlichkeiten eigentlich genau. Die Luxemburger Aufsichtsbehörde ließ Bertelsmann nun beim anvisierten Squeeze-out kurzerhand abblitzen. Eine schöne Bescherung für Europas größten Medienkonzern.

Das Fiasko um RTL ist für Ostrowski eine Blamage. Denn die Verunsicherung im Konzern wächst. Immer weniger Managern ist klar, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Zuletzt musste Ostrowski sogar Verkaufsgerüchte bei Gruner + Jahr dementieren lassen. Der wachstumsschwache Zeitschriftenkonzern wurde immer wieder als Wackelkandidat im weit verzweigten Reich des Medienriesen gehandelt.

Die Strategie von Bertelsmann gleicht der Echternacher Springprozession: drei Schritte vor und zwei zurück. Auf der Verkaufsliste stehen beispielsweise die Buch-, Musik- und DVD-Klubs in den USA. Ostrowskis Vorgänger Gunter Thielen feierte die Übernahme des Musikversenders Columbia House und des Buchklubs Bookspan noch als Beweis, dass Bertelsmann an das Endkundengeschäft glaubt. Doch das war gestern. Sein Nachfolger Ostrowski will die Sorgenkinder jetzt schnell loswerden.

Der Vorstand verfolgt dabei durchaus unterschiedliche Interessen. Während ein Teil der Führung auf solides Wachstum setzt, wollen andere mit Milliardendeals brillieren. Angeblich soll beispielsweise der 50-prozentige Anteil am Musikkonzern Sony-BMG an den japanischen Unterhaltungskonzern Sony verkauft werden. Auf der anderen Seite kommt der Ausbau des Geschäfts im Lehrbuchbereich nicht voran. Vergeblich bemühte sich Bertelsmann, die US-Verlagsgruppe Harper Collins vom Medienkonzern News Corp. zu übernehmen. Der Bildungsverlag Thomson Learning war Bertelsmann angesichts des milliardenhohen Schuldenbergs bereits zuvor zu teuer.

Ostrowski hat der Patriarchenfamilie Mohn viel versprochen. Er will den Umsatz in sieben Jahren auf mehr als 30 Milliarden Euro steigern. Derzeit erzielt der Branchenprimus kaum mehr als 19 Milliarden. Euro. Der operative Gewinn soll bis dahin von 1,9 Milliarden auf über drei Milliarden Euro steigen. Wie der frühere Arvato-Chef Ostrowski das so schnell schaffen will, ist noch nicht klar. Denn auch beim Druck- und Mediendienstleister Arvato wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Über dem lukrativen Call-Center-Geschäft hängt der Mindestlohn wie ein Damoklesschwert. Wenn die Große Koalition ähnlich wie beim Post-Herausforderer Pin per Gesetz hohe Löhne von knapp zehn Euro beschließen sollte, wäre das Geschäftsmodell ernsthaft gefährdet.

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