Börse
Dax: Das Ende der Talfahrt naht

Die vergangene Börsenwoche macht Hoffnung. Die Tiefstände am Aktienmarkt könnten bald hinter uns liegen. Doch eine neue Hausse ist damit noch nicht in Sicht, eher eine Seitwärtsbewegung mit heftigen Schwankungen.
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An der Börse kommen erst die Schmerzen, dann das Geld." Bewahrheitet sich die dem verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany zugeschriebene Weisheit, dann braucht einem um die Zukunft unserer Aktienmärkte nicht bange zu sein. Denn der Bedarf an Schmerzen ist reichlich gedeckt, trotz der atemberaubenden Rally in der vergangenen Woche, die den Börsen weltweit gut zehn Prozent einbrachte. Immerhin, die Chancen für eine Bodenbildung und damit das Ende der Talfahrt mehren sich.

Börsianer und Konjunkturpropheten haben viel gemeinsam: Erst wollen sie die Talfahrt nicht wahrhaben und beschreien die rasche Wende nach oben. Doch weisen die Kurse und Fakten erst einmal eine Zeit lang steil nach unten, dann schreiben sie den Niedergang gleich in alle Zukunft fort. Wissenschaftler, Ökonomen und Medien erliegen dabei dem allzu menschlichen Phänomen des prozyklischen Verhaltens. So wie Konjunkturforscher ein Ende der Weltrezession weit und breit nicht erkennen und immer düsterere Szenarien entwickeln, genau so gedeihen an den Aktienmärkten jetzt die Untergangsszenarien.

Dabei lassen sich durchaus einige Hoffnungsschimmer erkennen. In der Konjunktur waren es zuletzt die Kauflaune der amerikanischen Verbraucher und der positive Jahresauftakt zumindest in Teilen der gebeutelten Finanzbranche, wie uns unisono Deutsche Bank, Citigroup und Bank of America berichteten.

Auf der anderen Seite erleben die Börsen gerade einschneidende Veränderungen, wie sie häufig an Wendepunkten vorkommen. So geben die meisten Investoren schon seit Wochen ihre Flucht in die niedrig verzinsten Staatsanleihen auf. Deren Kurse stagnieren nur noch.

Hingegen präferieren die verbliebenen Aktienanleger nicht mehr wie gewohnt Defensivbranchen wie Versorger, Pharma und Konsumgüter des täglichen Gebrauchs. Im Gegenteil: Nach den Finanztiteln und anschließend den konjunktursensiblen Sektoren wie Automobil und Rohstoffe verscherbeln Anleger jetzt ihr Tafelsilber. Dazu zählen Aktien wie die des Stromerzeugers Eon und des Kosmetikherstellers Beiersdorf. Diese legten erst jahrelang kräftig zu, trotzten dann dem Abschwung und gehen jetzt schließlich doch in die Knie.

Die klaren Muster mit "guten" und "schlechten" Branchen lösen sich unter extrem hohen Kursschwankungen auf, wie wir sie typischerweise am Ende jeder großen Baisse erleben - zuletzt Anfang 2003, als der Dax in wenigen Wochen mehr als tausend Punkte verloren hatte.

Doch taugen solche Erfahrungen, um daraus Rückschlüsse für die Zukunft abzuleiten? Schließlich haben wir es mit der größten Finanzkrise seit 80 Jahren und einem weltweiten Konjunktureinbruch zu tun, wie wir ihn in der Nachkriegsgeschichte noch nicht erlebt haben. Woche für Woche überrascht uns der Abschwung mit neuen Superlativen. Zuletzt mit Spekulationen über den Bankrott europäischer Staaten wie Griechenland, Lettland, Ungarn und Rumänien und dem größten Firmenverlust in der Geschichte, dem Minus von 99 Milliarden Dollar beim US-Versicherer AIG.

Richtig ist aber auch, dass sich selbst in den größten Banken- und Konjunkturkrisen der Vergangenheit alle Prognosen über eine dauerhafte Stagnation, wie sie die Finanzmärkte jetzt mehrheitlich unterstellen, als falsch erwiesen haben. Die Kurse europäischer Aktien sind inzwischen auf Niveaus gefallen, wie sie nicht einmal in einer langanhaltenden Rezession berechtigt erscheinen. Börsianer bezahlen selbst üppig und stetig verdienende Unternehmen wie Eon nicht einmal mehr mit deren Eigenkapital. Damit unterstellen Investoren, dass diese Konzerne künftig so in die Miesen geraten, dass die Verluste das Eigenkapital auffressen.

Solch ein Szenario ist aber nicht in Sicht. Im Gegenteil, Konsumenten und Unternehmen werden auch künftig Strom und Öl verbrauchen, ja sogar Stahl und Autos nachfragen. Nicht nur, weil solche Produkte immer gebraucht werden, sondern weil nicht überall auf der Welt die Konsumenten zum Schuldenabbau gezwungen sind. Genau genommen gilt das nur für eine, wenn auch die größte Volkswirtschaft, die USA. Sobald mehr als nur ein Funken Hoffnung auf eine Stabilisierung der Wirtschaft aufkeimt, werden sich die Börsen noch mehr erholen als in der vergangenen Woche. Nicht etwa weil euphorisierte Anleger auf einen neuen Boom wetten, sondern weil sie auf das Ende der Talfahrt spekulieren.

Solch ein Ende mündet allerdings keinesfalls in einen Aufschwung, wie wir ihn im Frühjahr 2003 nach der beispiellosen Talfahrt erlebten, als der Dax drei Viertel seines Wertes verloren hatte. Damals war das Aufatmen über das schnelle Kriegsende am Golf so groß, dass sich Stimmungs- und Frühindikatoren sofort aufhellten und die Realwirtschaft nachhaltig stimulierten.

Bis die Börsen diesmal zu einer Hausse durchstarten, bedarf es mehr als nur der Hoffnung. Solange die Banken ihre faulen Kredite nicht beziffern können, niemand weiß, was aus den Schrottpapieren werden soll und die Weltkonjunktur so gut wie keine Erholungszeichen erkennen lässt, wird ein Ende der Baisse nur in einem ständigen Auf und Ab der Aktienkurse münden. Solch eine Bodenbildung zehrt jedoch genauso an den Nerven wie die erlittene Talfahrt.

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