Börsen
Historisch einmalig

"Hier herrscht Untergangsstimmung." Die drei Worte umschreiben treffend die Gemütslage von Anlegern, Händlern und Bankern.

Zugegeben, die Börse neigt oft zu Übertreibungen. Doch die vergangenen Tage stellen tatsächlich alle Schwankungen in der Vergangenheit in den Schatten. Eingeschlossen die turbulentesten Handelswochen in der Weltwirtschaftskrise, die fast auf den Tag genau vor 79 Jahren ihren Lauf nahm.

Tagesverluste von fast zehn Prozent in Tokio, Frankfurt, London und New York mögen für sich allein schon Superlative sein. Doch so etwas kommt in turbulenten Zeiten durchaus vor. Historisch einmalig aber wiegt der Wertverlust über den Tag hinaus: Allein an den vier eben erwähnten Börsen lösten sich in der vergangenen Woche umgerechnet 2,5 Billionen Euro in Luft auf. Das entspricht dem deutschen Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr.

Sicherlich, die Immobilienkrise und der Zusammenbruch großer Banken sind die erste Voraussetzung für die Kursverluste. Sie verstärken sich, weil Banken sich kein Geld mehr untereinander leihen und deshalb den Zusammenbruch des Finanzsystems heraufbeschwören. Doch was Anleger vor allem mit den jüngsten Kursverlusten signalisieren, ist die Angst vor einer tiefen Rezession in den großen Wirtschaftsnationen, einschließlich der Schwellenländer. Und für solche Sorgen gibt es durchaus Hinweise, wie uns die Automobilindustrie dies- und jenseits des Atlantiks mit Rekordverlusten, Produktionskürzungen und Entlassungen vor Augen führt.

Dramatische Auftragsrückgänge selbst in immer noch boomenden Industriezweigen wie dem Maschinenbau und alarmierende Orderrückgänge bei Europas größtem Softwarehersteller SAP belegen, dass die Krise weltweit alle Branchen erfasst. Zu einer schweren Rezession, wie Anleger sie derzeit fürchten, gehören aber nicht nur sinkende Firmengewinne, sondern auch Massenentlassungen und damit ein Einbruch des Konsums bis hin zu großen Firmenpleiten in der Industrie.

Solche Szenarien taugen dazu, um zu erklären, warum die Börsen von einer Hausse, wie wir sie von 2003 bis 2007 erlebten, in eine tiefe Baisse rutschen. Doch ein Wochen-Kursverlust von rund 20 Prozent in beinahe allen großen Börsenindizes rund um den Globus kann nur dann entstehen, wenn gleichzeitig viele Anleger zum Verkauf gezwungen sind. Händler in New York und an der Frankfurter Börse erklären übereinstimmend, dass sie noch nie so viele großvolumige und vor allem unlimitierte Verkaufsaufträge erhalten haben. Die Order lauten "best", das heißt, der Auftraggeber will sich unabhängig vom Preis sofort von seinen Aktien trennen. Ursache für solch ein gemeinhin unüberlegtes Handeln sind Zwänge, wie sie nur dann vorkommen, wenn Menschen sehr viel und vor allem rasch Geld brauchen.

Hier schließt sich der Kreis zur Immobilien- und Finanzkrise, die ihren Ursprung in niedrigen Zinsen und hoher Verschuldung hat. Viele Beteiligungsgesellschaften und Hedge-Fonds finanzierten ihre Übernahmen und Beteiligungen jahrelang mit wenig eigenem Geld und hohen Krediten. Das Geld gab es jahrelang billig, weil die Notenbanken die Zinsen trotz boomender Konjunktur und Aktienmärkte niedrig hielten. Deshalb schienen sogar Spekulationen mit Eigenkapitalquoten von weniger als zehn Prozent aufzugehen. Jetzt fordern plötzlich viele Verleiher ihr Geld zurück, weil diese durch die Banken- und Börsenkrise in Schieflagen geraten. Einziger Ausweg: verkaufen zu jedem Preis.

Dazu gehört auch, dass selbst konjunkturresistente Unternehmen wie Europas größter privater Stromerzeuger Eon an einem Tag fast zehn Prozent an Wert verliert. Verängstigte und verschuldete Investoren gehen jetzt sogar an ihr "Tafelsilber", um ihre Gläubiger auszuzahlen.

Vor diesem Hintergrund verlieren Bilanzen und Erwartungen an Bedeutung. Also auch, ob Aktien gerade teuer oder historisch günstig sind. Würde heute ein Investor ein großes deutsches Unternehmen kaufen wollen, müsste er gleich für ein Dutzend Dax-Werte weniger als den sechsfachen Jahresgewinn oder weniger als das jeweils bilanzierte Eigenkapital auf den Tisch legen. Das ist historisch einmalig. Genauso wie der drohende Kollaps des Finanzsystems.

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