Cebit
Vergebene Chancen

Es ist „Cebit-Time“, die Informationstechnologie und Telekommunikation stehen wieder im Rampenlicht. Für die deutsche IT-Branche ist das eine riesige Chance. Es ist aber auch eine Pflicht. Doch der werden wir in keiner Weise gerecht.

Ab morgen steht sie wieder im Rampenlicht, die Informationstechnologie und Telekommunikation. Es ist "Cebit-Time". Für die deutsche IT-Branche ist das eine riesige Chance. Es ist aber auch eine Pflicht. Doch der werden wir in keiner Weise gerecht. Statt einer der größten deutschen Branchen mit fast 800 000 Beschäftigten eine entsprechende Wertschätzung zuteil werden zu lassen, reden wir den Tod der Cebit herbei, nur weil ein paar Branchengrößen wie Nokia ihre Teilnahme verweigern.

Die Cebit ist der Spiegel unserer heimischen Industrie. Wenn wir weiter so fahrlässig mit ihr umgehen, vertun wir leichtfertig die Chancen in dieser so wichtigen Zukunftstechnologie. Das beginnt schon mit der Infrastruktur. Nach Analysen der OECD haben gerade 15 von 100 Bundesbürgern einen Breitbandzugang (DSL) zum Internet. In den Niederlanden oder Dänemark sind es doppelt so viele. Gerade die schnöden Datenleitungen sind aber entscheidend für neue Geschäftsideen. Die gibt es zwar reichlich, doch leider vor allem jenseits der deutschen und europäischen Grenzen. Natürlich, die Probleme sind erkannt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die IT-Branche persönlich auf ihre Agenda gesetzt. Doch so schön Fördermittel auch sein mögen, mit klassischer Industriepolitik kommt man in der High-Tech-Szene nicht weiter. Es geht um Innovationen und um ihre schnelle und gelungene Umsetzung in marktfähige Produkte. Erfolgsgeschichten wie Google oder Wikipedia sind in privaten Garagen und nicht durch staatliche Initiative entstanden.

Genug also der schönen Worte, jetzt heißt es ran an die Pflichtenhefte. Ein besseres Umfeld für junge, innovative Unternehmer muss her, die Bürokratie muss entschlackt werden. Es darf nicht mehr rund 50 Tage dauern, bis sich ein Firmengründer durch den Wust bürokratischer Auflagen gekämpft hat, sondern nur noch fünf wie in den USA. Das ist nicht so schwer und erst recht nicht teuer. Aber auch die deutschen IT-Firmen sind gefragt. Sie müssen ihrer Verantwortung für den Nachwuchs gerecht werden. Es bedarf schon einer gewissen Dreistigkeit, beim viel zitierten Fachkräftemangel lautstark nach Vater Staat zu rufen, gleichzeitig aber seit 2002 rund 10000 IT-Ausbildungsplätze zu streichen. Gelingt die Kehrtwende, werden sich Wachstum und Innovationen von alleine einstellen. Denn an einem fehlt es Deutschland garantiert nicht: an guten Erfindern.

Steht dann ganz am Ende doch die Erkenntnis, dass die Cebit zugleich auch ein Spiegel der europäischen IT-Industrie ist, wäre viel, wenn nicht alles gewonnen. Die Branche hat keine Zeit mehr für europäische Kleinstaaterei. Dazu sind die Rivalen USA und Asien einfach zu stark und mächtig geworden. Wir benötigen eine europaweite Marketing- und Imagekampagne für die wichtigste Zukunftsbranche.Die Cebit ist dafür die beste Plattform. Nutzen wir sie nicht, wird sie schneller aus Europa verschwunden sein, als wir glauben - und mit ihr die deutschen und europäischen Aussteller.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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