China
Mächtige Reserven

Chinas Regierung hat ein Problem, von dem andere Staaten nur träumen. Wohin bloß mit den gigantischen Währungsreserven?

Mit dem Plan einer neuen Investmentgesellschaft verfolgt die Regierung vor allem zwei Ziele: Einmal soll der angesammelte – und täglich weiter steigende – Betrag von umgerechnet rund 800 Milliarden Euro mehr Rendite abwerfen. Zum anderen will Peking mit dem Superfonds künftig auch seinen Reichtum strategisch gezielter einsetzen als bisher. Noch ist über die Details herzlich wenig bekannt. Erst einmal muss abgewartet werden, wie die neue Superbehörde ausgestattet und aufgestellt wird. Doch schon jetzt steht fest: Ihr wird eine politische Schlüsselfunktion zukommen. Dass die Pläne in die Tat umgesetzt werden, daran zweifelt niemand. Denn China will klotzen, nicht kleckern. Und so dürfte schon in absehbarer Zeit der größte institutionelle Anleger der Welt in Peking geboren werden.

Die Folgen wird die Welt AG zu spüren bekommen – an den Finanzmärkten, in der Firmenwelt und sicher auch im außenpolitischen Machtgefüge. Denn China kann seine Finanzmuskeln spielen lassen. Die Währungsreserven sind so stark angewachsen, dass sie ihren Sinn längst übererfüllen. Nach Berechnungen der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) reicht bereits ein Drittel des angehäuften Betrages aus, um die Volksrepublik gegen Währungsschocks und Finanzkrisen abzusichern. Schon in vier Jahren werden sich Chinas Währungsreserven aber erneut verdoppelt haben. Der Macht des Geldes scheint keine Grenze gesetzt zu sein. Vor allem die USA liegen damit an der kurzen Leine Chinas. Denn bislang legt Peking seine Reserven überwiegend in sicheren US-Staatsanleihen an. Eine radikale Umschichtung der Währungsreserven könnte ernsthafte Folgen für die USA haben. Und damit die ganze Welt erschüttern.

Doch dazu wird es nicht kommen. Nicht nur braucht Amerika China, auch die Volksrepublik braucht eine florierende US-Wirtschaft: Schließlich sind die USA der größte Exportmarkt der Chinesen. Hohe Zinsen in Amerika und ein schwacher Dollar sind keineswegs im Interesse der kommunistischen Machthaber in Peking. Das würde auch Chinas Aufstieg ins Wanken bringen. Letztlich läuft es auf die Frage hinaus, wie die Chinesen mit ihrer Kriegskasse umgehen. Neue Angst vor dem bösen Drachen zu schüren wird der Lage allerdings nicht gerecht. Peking wird seine Währungsreserven kaum als Waffe gegen andere Länder einsetzen. Sollte das Reich seine Schätze anders anlegen, wird die Umschichtung mit Augenmaß erfolgen. Zwar sind die Chinesen als Zocker bekannt, doch hier steht für Peking der Ruf in der Welt auf dem Spiel.

Darum soll auch Lou Jiwei, bis vor kurzem Vize-Finanzminister Chinas, Chef der neuen Investmentgesellschaft werden. Dass ausgerechnet ein Politiker der „Schanghai-Fraktion“ einer der einflussreichsten Manager der Finanzwelt werden soll, überrascht. Staats- und Regierungschef Hu Jintao versucht gerade, den Einfluss der alten Schanghai-Garde zurückzudrängen. Doch wie Finanzminister Jin Renqing gilt Lou als besonnener und erfahrener Pragmatiker. Er hat im wirtschaftsfreundlichsten Ort Chinas, der weltoffenen Boom-Stadt Schanghai, seine politische Karriere gemacht. Darauf können der Westen und die Finanzmärkte bauen. Die Aufgabe der neuen Investmentgesellschaft wird vor allem sein, gezielter zu investieren. Das heißt auch, dass die Chinesen in den kommenden Jahren verstärkt ausländische Firmen aufkaufen werden. Chinas Gewicht wird an den ausländischen Börsen damit stark zunehmen.

Das größte Problem ist ein altes. Die neue Investmentbehörde soll der Führung Chinas direkt unterstellt werden – und damit der Kommunistischen Partei. Das liefert einen Hinweis darauf, dass auch Lou Jinwei nicht frei von politischen Vorgaben sein wird. Seit Jahren versucht Chinas Führung, auf der Welt Ressourcen und Know-how aufzukaufen, stößt aber immer wieder auf Widerstand. Pekings neue Investmentgesellschaft wird so kein reiner Finanzinvestor sein. Doch mit dem Superfonds adaptiert China erneut ein Stück des westlichen Wirtschaftsmodells – und übernimmt eine große internationale Verantwortung. Bleibt zu hoffen, dass sich Peking der Dimension dieser großen, neuen Aufgabe bewusst ist.

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