Der politische Gastkommentar
Obama ist stark trotz seiner Schwächen

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Barack Obama ist nun der eindeutige Favorit als Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei in den USA. Senatorin Hillary Clinton mag weiterkämpfen bis in den Juni oder vielleicht sogar bis zum Parteikongress im August. Es gibt nichts, was Obama dagegen tun könnte oder sollte. Nach einem langen, erbitterten Kampf suchen die Verlierer häufig nach Gründen, sich zu beklagen. Es hätte keinen Sinn, ihr dafür einen Anlass zu geben. Es ist besser, wenn Obama und Parteichef Howard Dean sie nicht unter Druck setzen. Sie sollten sie nicht aus dem Rennen stoßen.

Die lange Dauer des Auswahlverfahrens ist in mancher Hinsicht ein Vorteil für die Demokratische Partei. Nach Schätzungen haben sich mehr als 3,5 Millionen neue Wähler während der Vorwahlen registrieren lassen. Und die Spenden in Höhe von Hunderten von Millionen Dollar werden der Partei auch im November noch Schubkraft verleihen. Dazu kommt: Obama ist nun ein erfahrener Kandidat, weil er kampferprobt ist. John McCain, sein Gegenspieler von der republikanischen Partei, hat dagegen Mühe, auf sich aufmerksam zu machen. Er wurde in den letzten Monaten in den Berichten zu den Vorwahlen nur zu 20 Prozent erwähnt, während Obama und Clinton auf 60 bis 70 Prozent kamen. Die Länge des Vorwahlkampfs hat aber auch Nachteile für die Demokraten. Sie hat Schwächen bei Clinton und Obama aufgedeckt. Hillary Clinton wirkte berechnend, gekünstelt, steif und sehr mit sich selbst beschäftigt. Obama wirkte mehr und mehr nicht als Aufsteiger, sondern als typischer Liberaler aus Chicago, der wenig vorweisen kann und wenig Erfahrung hat, dafür aber einige irritierende Freunde und elitäre Züge. Seine Nominierung wird der Testfall für die gängige These, dass nur ein moderater Demokrat das Weiße Haus gewinnen kann.

Die Vorwahlen haben die Demokraten tief gespalten: Arbeiter mit weniger Geld und weniger Bildung auf der einen Seite, die Weißwein-Fraktion von Akademikern und Leuten mit guten Jobs (dazu die Schwarzen und viele junge Leute) auf der anderen Seite. Obama schneidet gegenüber McCain schlechter als Clinton in wichtigen Staaten mit typischer Industriestruktur ab. Weniger als die Hälfte von Clintons Anhängern in Indiana und North Carolina sagen, dass sie Obama unterstützen wollen, wenn er nominiert wird.

Der Pfarrer Jeremiah Wright bleibt für den Kandidaten in der Tat eine schwere Belastung. Das hat Obama selbst gegenüber „Fox News Sunday“ eingeräumt. Seine hohen Zustimmungsraten sind gesunken, seit Wright mit seinen irritierenden politischen Äußerungen zu Obama zu einem Problem geworden ist. Mehr als die Hälfte der Anhänger von Hillary Clinton meint, die früher enge Beziehung Obamas zu Wright sage etwas aus über seinen Charakter und seine Urteilsfähigkeit.

Trotzdem wird das ein sehr schwieriges Jahr für die Republikaner. Die schwache Wirtschaft, der unpopuläre Krieg und der verständliche Wunsch, die Republikaner nach acht Jahren im Weißen Haus abzulösen, geben den Demokraten das Übergewicht. Obama ist im Moment deutlich schwächer als vor gut drei Monaten. Aber im November haben die Demokraten dennoch die besseren Chancen.

Sie sind zwar noch zu schlagen. Aber es ist Unsinn, zu glauben, der Wahlkampf in diesem Jahr werde ähnlich ausgehen wie die Wahlkämpfe von George W. Bush gegen Michael Dukakis oder von Richard Nixon gegen George McGovern – mit Bush und Nixon hatten sich in beiden Fällen am Ende doch noch die Republikaner durchgesetzt.

Dabei ist McCain ein sehr starker Kandidat. Er ist der beste Kandidat, den die Republikaner sich unter den gegebenen Umständen aussuchen konnten. Gerade weil die Partei selbst angeschlagen ist, spielt es eine große Rolle, dass er Bürger in der Mitte und Wechselwähler anspricht.

McCain ist realistisch genug, um zu wissen, dass er in der Wählergunst zunächst zurückfallen wird, wenn Obamas Nominierung durch die Demokratische Partei erst einmal beschlossen ist. Er bereitet sich und sein Team auf diese harte Zeit vor, und er ist sich ganz sicher, dass er von August bis November dann noch genug Zeit hat, wieder die Führung an sich zu reißen. McCain hatte erlebt, wie Gerald Ford 30 Prozentpunkte Vorsprung hatte und dann 1976 doch noch knapp gegen Jimmy Carter verlor. Und er kann sich erinnern, wie George W. Bush einen Abstand von 17 Punkten im Sommer 1988 noch aufholen und dann Michael Dukakis im Herbst ausstechen konnte.

Die Schlachtfelder, die umstrittenen Staaten, sehen in diesem Jahr ganz ähnlich aus wie in den früheren Wahlkämpfen. Es geht um das industrielle Herz Amerikas, von Pennsylvania bis Wisconsin. Ausklammern muss man hier Indiana, wo ohnehin die Republikaner vorn liegen, und Illinois – dieser Staat ist fest in der Hand der Demokraten.

Weitere umkämpfte Regionen sind der Mittlere Westen von Minnesota bis Missouri. Dazu kommen Colorado, New Mexico und Nevada. Und schließlich könnten noch Florida oder New Hampshire den Ausschlag geben. Barack Obama wird Virginia und North Carolina als sein Revier ansehen. Und er wird versuchen, einen oder beide Wahlbezirke von Nebraska zu gewinnen. McCain dagegen glaubt, dass er New Jersey und Delaware gewinnen kann und einen Teil von Maine (der Staat hat wie Nebraska zwei Bezirke).

Fast alles aber, was wir derzeit zu wissen glauben, könnte in den nächsten Monaten noch über den Haufen geworfen werden. Dieser Wahlkampf hat schon viele Weisheiten als Irrtümer entlarvt. Für Menschen mit politischer Leidenschaft ist er eines der großartigsten Spektakel seit Jahrzehnten.

Der Artikel erschien zuerst im „Wall Street Journal“.

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