Deutsche Bahn
Kommentar: Zugzwang für die Lokführer

  • 0

Es ist immer wieder bizarr an Tarifstreitigkeiten: Da werden von der Gewerkschaftsseite Maximalforderungen erhoben, und die Arbeitgeber halten eher spärlich dagegen. Wie jetzt bei der Bahn. Doch wie üblich trifft man sich in der Mitte: Sieben Prozent sagten die einen, zwei Prozent die anderen. Nun sind sich Deutsche Bahn und die Gewerkschaften Transnet und GDBA bei 4,5 Prozent einig geworden. Ziemlich genau also in der Mitte!

Gemessen am Gejammer der Arbeitgeberseite, dass ein zu hoher Abschluss direkt Arbeitsplätze bei der Bahn gefährde, hat sich Bahnchef Hartmut Mehdorn am Ende doch recht großzügig gezeigt, beziehungsweise zeigen müssen. Denn das Druckpotenzial der Gewerkschaften ist empfindlich groß. Die Warnstreiks der vergangenen Woche haben einmal mehr gezeigt, wie schon kleine Ursachen große Wirkungen im komplexen Bahnbetrieb auslösen können.

So wird der Konzern angesichts der Mehrausgaben fürs Personal seinen ohnehin rigiden Sparkurs weiter verschärfen müssen, um das leuchtende Ziel einer halbwegs überzeugenden Börsenstory weiter verfolgen zu können. Somit verschärft sich auch die Gefahr, der die Bahn in den letzten Jahren verschiedentlich ausgesetzt war - der, dass sie "kaputt gespart" wird. Wer heute schon beobachtet, wie lange es dauert, bis eine falsch gehende Bahnsteig-Uhr repariert wird, kann sich durchaus vorstellen, dass das nicht besser wird, wenn noch weniger Geld da ist.

Und das ist nur ein harmloses Beispiel: Schon heute sind im täglichen Betrieb der Bahn außerhalb der sicherheitsrelevanten Themen die Mittel für den Erhalt der Anlagen extrem knapp. Dass etwa bei Unwettern so viele Gleise durch Bäume und Äste blockiert werden, liegt auch daran, dass die Etats für die so genannte Vegetationskontrolle am Bahndamm jetzt schon kaum ausreichen.

Die Einigung im Tarifstreit kam trotz des relativ hohen Abschlusses schnell. Das hat seinen besonderen Grund. Mehr als sonst bei solchen Prozeduren ist dieser Tarifabschluss von einem weiteren Mitspieler beeinflusst, der in Berlin heute gar nicht am Verhandlungstisch saß und auch nicht sitzen wollte. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hatte schon im Vorfeld gesagt, dass sie die neue Lohnvereinbarung in keinem Fall unterschreiben würde. Sie pocht bekanntlich auf Eigenständigkeit. Sie will für das fahrende Personal - nicht nur Lokführer, sondern auch Zugbegleiter - einen Spartentarifvertrag herausholen. Doch da wird sie bei der Bahn auf Granit beißen. Der Konzern kann kein Interesse daran haben, dass GDL-Mitglieder anders bezahlt werden als die übrigen 134 000 Eisenbahner.

So ist der Tarifabschluss von heute auch ein Signal an die Lokführer-Gewerkschaft, die zu allem Überfluss ihren Forderungen am Dienstagfrüh mit einem ärgerlichen dreistündigen bundesweiten Warnstreik erneut Nachdruck verleihen will. Der mit Transnet und GDBA ausgehandelte Vertrag legt den Schluss nahe, dass der Zug für solche Aktionen eigentlich abgefahren ist.

Kommentare zu " Deutsche Bahn: Kommentar: Zugzwang für die Lokführer"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%