Die Bedeutung der Nullsätze für den Wahlausgang
Das TV-Duell im Labor-Versuch

Unterstützt von Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer, machten sich 73 Probanden aus Mainz am Sonntag ans Werk. Sie begleiteten das TV-Duell zwischen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und Herausforderin Angela Merkel (CDU) live auf wissenschaftliche Art. Forschungsziel: Mit welchem Stimulus erzielen die Politiker die stärkste Empfindung, mit welcher Polit-Ware verkaufen sie sich am besten?

MAINZ. Sie sollen nachher nicht mehr nachdenken. Geben Sie einfach Ihren Eindruck wieder." Derart vom Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer eingestimmt, machen sich die 73 Probanden aus Mainz ans Werk. Ihnen obliegt es, das TV-Duell zwischen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und Herausforderin Angela Merkel (CDU) live auf wissenschaftliche Art zu begleiten. Sozusagen aus dem Handgelenk: In Sekundenschnelle bewerten sie jedes Statement der Kontrahenten mittels eines siebenstufigen Drehreglers - von schlecht bis gut. Mit einem computergestützten Messverfahren werden die elektrifizierten Noten in einen Zentralcomputer gefunkt - und der spuckt in Windeseile eine Verlaufskurve aus. Um es schon zu verraten: Die neutrale "Vier" bestimmte den Abend im Institut für Publizistik in Mainz. Und neutral heißt: langweilig.

Offenbar: Das rasend schnelle Empfinden ist nicht immer rasend extrem. Jedenfalls nicht am Sonntagabend: Schröder und Merkel bleiben meist sachlich, "und entsprechend gab es fast durchgängig nur leichte Ausschläge. Meistens reagierten die Probanden mit dem Mittelwert", resümiert noch in der Nacht der zweite junge Kommunikationswissenschaftler, Carsten Reinemann.

Den ausgebufften Wahlkämpfern Schröder und Merkel kann offenbar niemand mehr etwas vormachen: Die Drehregler werden heftigst nur an den Anschlag gedreht, als Schröder die Debatte auf den Irak, das Hochwasser in New Orleans und überhaupt aufs gefährliche internationale Parkett schiebt. Merkel hingegen löst die größte Drehaktivität beim Türkei-Thema aus. Offenbar ist das Thema ein Treffer: Hier sind die Ausschläge anhaltend hart. Man soll sie nicht reinlassen, egal, was Schröder da von der geostrategischen Lage doziert! Zigfach auf Marktplätzen und in Mehrzweckhallen der Republik erprobt, zeigen die Top-Themen der Kombattanten auch hier im kleinen Vorführsaal ihre Wirkung: jeweils Zustimmung.

"Wir stellen wieder fest, dass Allgemeinplätze am besten bei den Leuten ankommen", doziert Experte Maurer. Nullsätze wie "Auch Kinder armer Eltern sollen studieren dürfen" oder "Man muss die Balance halten zwischen den Interessen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber" sind die besten Wahlfang-Köder. "Ja", gibt Kollege Reimann seiner Skepsis Raum: "Zwischen Effizienz und Wünschenswertem gibt es schon eine große Kluft." Will heißen: Höchst effektvoll ist bunt verpacktes Stroh, Kompliziertes wie Zahlen und trockene Sachverhalte lassen die Finger der Probanden gleichsam erstarren. Auch deshalb wollen die Forscher ihre Ergebnisse nicht als Politikberatung verstanden wissen.

Womöglich aber hat die so gähnende Kluft zwischen politisch Sinnvollem und subjektiver Wirkung gerade damit zu tun, dass die Drehregler-Methodik aus der Werbewirkungsforschung stammt. Da vor allem werden die Probanden kommerzieller Werbung, PR und Anzeigenkampagnen ausgesetzt. Aller Erfahrung nach drehen die Versuchspersonen desto doller am Rädchen, je emotionaler eine Produktwerbung sie packt. Inhalte, Substanz oder Realitätsgehalt spielen keine Rolle. Allein auf die Wirkung kommt es an. Auch in der Politik?

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