Die neue EU-Kommission
Europas neues Gesicht

José Barrosos Team ist komplett. Jetzt beginnt der schwierigste Teil der Aufgabe: Der designierte Chef der Brüsseler Mammutbehörde muss für jeden seiner 24 Kollegen ein angemessenes Portfolio finden. Das wird ein Drahtseilakt. Denn die meisten Länder haben für die erste volle Kommissionsperiode nach der Osterweiterung ausgewiesene Spitzenpolitiker nach Brüssel entsandt. Fast die Hälfte der Mannschaft hat Erfahrung in hochrangigen Regierungsämtern gesammelt. Barroso, der selbst nur zweite Wahl war, hat es also mit einem Starensemble zu tun, das schwer zu lenken sein wird.

Da ist der exzentrische Peter Mandelson aus London, die resolute Danuta Hübner aus Warschau, der sperrige Vladimir Spidla aus Prag und nicht zuletzt Günter Verheugen, der plötzlich beseelt ist von der Idee, als Wirtschaftspolitiker Geschichte zu schreiben. Von ihnen will jeder den Superkommissar spielen.

Aber wehe, der Portugiese lässt den schon jetzt erkennbaren Profilierungsgelüsten seiner illustren Schar freien Lauf. Dann zerfällt die Kommission sehr schnell in eine Ansammlung von Egomanen, die allenfalls den Interessen ihrer Heimatländer dienen, aber niemals ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht werden, die Brüsseler Ideen-Pipeline mit Inhalt zu füllen.

Themen gibt es genug. Die Frage des Türkei-Beitritts muss demnächst entschieden werden. Dann beginnt ein bitterer Kampf um die Verteilung der Finanzen. Und schließlich hat die EU die Pflicht, die Wirtschaft nachhaltig zu stärken und das Versprechen einzulösen, den Kontinent in die „dynamischste Wirtschaftsregion der Welt“ zu verwandeln. Dafür braucht Europa keinen Superkommissar, sondern einen Superpräsidenten.

Romano Prodi war der Aufgabe nicht gewachsen, Prioritäten zu formulieren und diese gegen alle Widerstände umzusetzen. Barroso sollte es besser machen. Denn nach den beiden glücklosen Vorgängern Santer und Prodi sehnt sich Europa nach einem Gesicht, das Kompetenz ausstrahlt. Nötig ist einer, der charismatisch führt und kraftvoll die Richtung vorgibt. Einer wie Jacques Delors eben. Auch der war übrigens nur zweite Wahl, als er 1984 zum Kommissionspräsidenten ernannt wurde.

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