Diskussion über Umfragewerte
Die kalte Wut der Campañeros

Der Handelsblatt-Chefkolumnist glaubt, dass die Diskussion über die Umfragewerte den Sozialdemokraten und insbesondere Gerhard Schröder mehr genutzt als geschadet hat.

DÜSSELDORF. Pferdejungens und Journalisten kritisiert man nicht. Beide können einem was nachwerfen." Kaum einer brachte dem Berufsstand der Journalisten so kalte Verachtung entgegen wie Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Dass Journalisten und Regierende einander nicht mögen, gehört zur Demokratie. Schließlich sollen die einen kritisch verfolgen und hinterfragen, wie die anderen handeln. Insofern bewegt sich die Medienschelte von Gerhard Schröder und seinen Helfern in guter Nachbarschaft. Das gemessen an früheren Wahlprognosen recht gute Abschneiden der SPD sei "trotz Medienmacht und Medienmanipulation" erreicht worden, polterte Gerhard Schröder noch in der Wahlnacht.

Solche Worte hätten auch von Helmut Kohl stammen können, der seine publizistischen Gegner im Visier hatte: kein Interview für den "Spiegel". Legendär sind die Schlachten zwischen Willy Brandt und "Bild"; eine Art der diffamierenden Auseinandersetzung, der der Nobelpreisträger Heinrich Böll mit "Bild, Bonn, Boenisch" ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Und die Begründung, mit der Innenminister Otto Schily die Durchsuchung von "Cicero" betrieben hat - die Presse dürfe den Staat "nicht untergraben" - erinnert an wen? An Franz Josef Strauß, der 1962 in einer "Spiegel"-Titelgeschichte über die Verteidigungsfähigkeit einen "Abgrund von Landesverrat" witterte.

Auf die Unterschiede soll auch hingewiesen werden: Bei "Cicero" handelt es sich um einen publizistischen Zwerg, die Durchsuchung diente nicht der nationalen Sicherheit, sondern nur dem Auffinden von Lecks im Beamtenapparat. Und Strauß ließ damals auch die "Spiegel"-Führung hinter Gitter bringen.

Dennoch fühlt sich Verlegerpräsident Helmut Heinen durch Schily und Schröder "schon ein wenig an die Propaganda totalitärer Regime erinnert". Und der Deutsche Journalistenverband protestierte gegen Schröders pauschalen Vorwurf der Medienmacht und Medienmanipulation.

Es darf, ja muss krachen zwischen Politik und einer Publizistik, die sich, grundgesetzlich geschützt, gerade nicht als "kollektiver Agitator, Propagandist und Organisator" versteht, wie es in der DDR zu geschehen hatte. Aber zu erklären ist, warum sich ausgerechnet Gerhard Schröder zur Medienschelte aufschwingt: Schließlich hat sich der viel gerühmte "Medienkanzler" doch jahrelang undementiert mit dem Satz zitieren lassen, dass man zur Kanzlermehrheit nur dreierlei brauche: "Bild", "BamS" und Glotze.

Sind also doch die journalistischen Hilfstruppen desertiert? Wollen sie ihn "niederschreiben", wie Innenminister Schily es nennt?

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