Dresdner-Übernahme
Commerzbank hat extrem knapp kalkuliert

Du hast keine Chance - also nutze sie. Dieses Sprichwort war für Commerzbank-Chef Martin Blessing beim Fusionspoker um die Dresdner Bank handlungsleitend. Er setzte alles auf eine einzige Karte - und trat nebenbei die Interessen seiner Aktionäre mit Füßen: Der Kauf ist extrem knapp kalkuliert.
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Aber er hatte keine Wahl. Zu groß war die Gefahr, ansonsten im großen Konsolidierungsspiel der Branche selbst unterzugehen.

Die Aktionäre müssen viel Geduld aufbringen, wahrscheinlich sogar auf die nächste Dividende verzichten. Aber langfristig kann Blessings Rechnung aufgehen.

Der Preis, den der 45-Jährige mit der Dresdner-Mutter Allianz ausgehandelt hat, ist hoch. Fast zehn Milliarden Euro zahlt die Commerzbank für ein Institut, das 2002 vor dem Kollaps stand. Wie die Anleger das finden, haben sie am Montag demonstriert: Die Aktie verlor zehn Prozent.

Im Schnitt hat die Dresdner Bank in den vergangenen fünf Jahren jeweils gerade einmal 250 Millionen Euro verdient. Zieht man vom Kaufpreis die veranschlagten Synergien von fünf Milliarden Euro ab, müsste die Dresdner dieses Ergebnis 20 Jahre lang einfahren, um das Investment einzuspielen. Zugegeben: eine sehr vereinfachte Rechnung. Aber sie ist so lange richtig, wie es Blessing nicht gelingt, die Profitabilität der Dresdner deutlich zu heben.

Für die Commerzbank ist die Übernahme ein Kraftakt. Nach dem Abschluss der Transaktion wird die Kernkapitalquote (Tier 1) voraussichtlich bei nur noch sechs Prozent liegen. Das ist sehr wenig Speck auf den Rippen, bedenkt man, dass wir uns in einer der schlimmsten Finanzkrisen der Geschichte befinden. Mancher Commerzbank-Konkurrent glänzt noch mit Werten über neun Prozent.

Dabei ist die Kapitalausstattung nur eines der Probleme. Wie sieht es mit den Kunden aus? Glaubt man Blessings Plänen, wird aus eins und eins im Privat- und Firmenkundengeschäft zwei. Sprich: Kein einziger Kunde springt ab. Dieses Ziel ist angesichts der Schließung von jeder fünften Filiale überaus sportlich, es widerspricht jeder Erfahrung aus früheren Fusionen.

Nicht nur die Kunden, auch die Manager drohen wegzulaufen. Im Vorstand ist bis auf Herbert Walter von der Dresdner ohnehin niemand vertreten. Blessing will schon in vier Wochen die Top-Führungsmannschaft benennen. Für Dresdner-Banker bleibt also kaum Zeit, sich zu profilieren. Sie werden daher meist den Kürzeren ziehen. Ein Exodus guter Leute kombiniert mit dem Verbleiben frustrierter Banker, die den Absprung nicht geschafft haben, wäre ein Horrorszenario.

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