El Kaida
Basis des Terrors

Zwei Wochen nach den Anschlägen von London und nach mehr als 200 Verhaftungen in Pakistan und Ägypten zeigt sich: Die „dschihadistische Internationale“ und ihre Lehre wachsen zu einer globalen Bedrohung. Dabei war der Islamismus des 20. Jahrhunderts im Ursprung eine breite, friedvolle Reformbewegung ohne Gewalt. Das änderte sich durch die Lehren von Sayyid Qutb (1906 - 1966), der eine bis heute grundlegende Gewaltideologie entwickelte. Diese wurde in der gesamten muslimischen Welt verbreitet und bildet das Fundament aller heutigen Dschihad-Gruppen.

Die Kämpfer des Dschihad (Mudschaheddin), die häufig auch unabhängig voneinander ohne lokale Bindungen operieren, eint die „Qubt-Dschihad-Ideologie“ als gemeinsame Geisteshaltung. Wichtig ist, dass es sich um eine sektenartig organisierte und strukturierte Gewaltideologie handelt, die aber nur von einer Minderheit der Muslime (etwa ein Prozent) geteilt wird.

Dass El Kaida bei Anschlägen wie jenen in London oder Madrid immer wieder in die Diskussion kommt, liegt an den Strukturen der Organisation. Sie ist keine kompakte, weltumspannende Terrorgruppe mit festen Mitgliedschaften und strengen Hierarchien, sondern eine Service-Plattform für „Kämpfer des Dschihads“, denen Leistungen wie Waffen, Training, Geld, Netzwerkstrukturen und Logistik bereitgestellt werden. Wer regional, ob in Großbritannien oder Deutschland, für den Dschihad angeworben wurde, kann auf die Dienstleistungen von El Kaida vertrauen. Der Name „Die Basis“ (Arabisch: Al-Qaida) ist hier tatsächlich Programm.

Die Ideologie, die El Kaida weltweit verbreitet, besteht aus einem „3-2-1“-Modell. Die Grundgedanken, die zu allen Anschlägen passen, sind: Es existieren drei Feinde, die Fehlentwicklungen, Unterlegenheit und Unterdrückung der muslimischen Welt zu verantworten haben. Es handelt sich um die „Kreuzfahrer“ (westlich-christliche Staaten), die Juden (Israel) und „die Handlanger“ (muslimische Regierungen, denen man vorwirft, einfache Erfüllungsgehilfen westlicher Unterdrückung zu sein).

Den Feinden werden zwei Angriffsarten unterstellt: Zum einen besetzen sie mit ihren Soldaten muslimische Länder und unterdrücken die Bevölkerung. Zum anderen übertragen sie ihre Werte und Verhaltensmuster auf muslimische Staaten und unterdrücken damit die einheimische Kultur. Gegen die Feinde, so suggeriert El Kaida, ist eine gemeinsame Anstrengung (Dschihad) erforderlich. Zum einen in den Regionen, zum anderen im Herzen der Feindesländer in Form von Anschlägen.

Diese Idee des Kampfes entstand in den 70er-Jahren. Scheich Abdullah Azzam war als Gelehrter ein wichtiger Ideengeber. Nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan Ende 1979 zog er um die Welt, um Freiwillige für einen Dschihad in Afghanistan zu gewinnen. In Saudi-Arabien traf er auf Osama bin Laden, der Azzams Schüler wurde. Seinem Rufen folgten Tausende aus den muslimischen Staaten und der Diaspora weltweit.

In den Augen der Mudschaheddin wurde der erfolgreiche Kampf in Afghanistan zum Referenzmodell für die „dschihadistische Internationale“. Bereits Anfang der 90er-Jahre zeichneten sich neue Betätigungsfelder ab: bei den Regionalkonflikten in Tschetschenien, Bosnien-Herzegowina, Somalia und Indonesien. In jedem Fall trat ein nicht-muslimischer Feind als Besatzer und Aggressor auf, den man zurückschlagen musste. Dann kam der Irak hinzu.

Auch das zweite Standbein von El Kaida ist funktionsfähiger denn je: weltweite Terroranschläge auf Ziele mit symbolischer Bedeutung. Kämpfer von El Kaida und deren Anhänger halten untereinander engen Kontakt und sind auch über Grenzen und Regionen hinweg mobil.

Viele europäische Metropolen, so auch London, gelten seit Jahren als Betätigungsfeld für dschihadistische Prediger, deren Hass auf alles Westliche auf fruchtbaren Boden fällt.

So ist auch in Europa eine dritte Generation der El-Kaida-Sympathisanten herangewachsen: Diese gehen nicht mehr in Trainingslager in Afghanistan und kennen Osama bin Laden nur aus dem Fernsehen. Dennoch sind sie bereit, als Märtyrer für die Idee des Dschihad zu sterben. Rekrutiert werden sie nach Methoden, mit denen auch Psychosekten ihre Anhänger anwerben.

Auch Deutschland kann sich nicht sicher fühlen, denn es gilt den Dschihadisten ebenfalls als Feindesland. Schließlich gilt immer noch das „Drei-Monate-Ultimatum“ Osama bin Ladens in seiner Botschaft vom April 2004: Wenn Deutschland seine Besatzungstruppen aus Afghanistan – die Isaf-Soldaten – abziehe, werde es verschont. Wenn nicht, dann werde der Kampf der Mudschaheddin auch gegen Deutschland fortgesetzt.

Der Autor ist stellvertretender Direktor des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik (IFTUS) in Essen. El Kaida ist keine Terrorgruppe, sondern eine Service-Plattform für „Kämpfer des Dschihads“.

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