Energie
22 Billionen Dollar werden benötigt

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Hoffentlich ist es tatsächlich ein Weckruf. Das Wort macht in diesen Tagen auf der Weltenergiekonferenz in Rom die Runde – gemeint ist der rasante Anstieg des Ölpreises in den vergangenen Monaten. Dass das Barrel gerade zum hochkarätig besetzten Treffen von Energiemanagern, Regierungsvertretern, Industriekunden und Wissenschaftlern aus aller Welt, das nur alle drei Jahre stattfindet, an der historischen Marke von 100 Dollar kratzt, hat hohe Symbolkraft.

Denn in einem ist sich die Elite der Energiebranche einig: Es ist fünf vor zwölf. Nur wenn zügig Maßnahmen ergriffen werden, ist der dramatisch wachsende Energiehunger auf Dauer zu stillen und der bedrohliche Klimawandel zu stoppen. Und dass Öl – und mit ihm die anderen Energieträger – langfristig wieder substanziell günstiger werden kann, glauben in Rom nur Außenseiter.

Innerhalb von zwei Wochen wurden zwei Prognosen präsentiert, die Angst und Bange machen. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet bis 2030 einen Anstieg des Energieverbrauchs um 55 Prozent und der Kohlendioxid-Emissionen um 57 Prozent. Und nach Darstellung des Weltenergierats muss sich die Energieproduktion bis 2050 sogar verdoppeln.

Ob die Zahlen verlässlich sind, sei dahingestellt. Jede neue Prognose ist ein Eingeständnis, dass die alte fehlerhaft war. Hätten die Wissenschaftler in den 70er-Jahren die Reserven korrekt eingeschätzt, gäbe es schon heute kein Öl mehr. Aber ob es nun einige Prozentpunkte mehr oder weniger sind, ist in Anbetracht der Dimensionen irrelevant. Fakt ist: Der Verbrauch wird dramatisch steigen. Das liegt vor allem am Wirtschaftsboom in den bevölkerungsreichsten Staaten, China und Indien. Ein Drittel der Menschheit verlangt aber auch überhaupt einen Zugang zur Elektrizität. Energie hat auch eine soziale Dimension.

Die Herausforderung besteht darin, dafür zu sorgen, dass der Anstieg von Verbrauch und Emissionen zumindest gebremst wird und beherrschbar bleibt. Dafür sind gewaltige Anstrengungen nötig, sprich hohe Investitionen. Die IEA schätzt den Bedarf bis 2030 auf 22 Billionen Dollar. Zum einen muss die Suche nach fossilen Energieträgern noch forciert werden. Mit neuen Technologien müssen auch schwer zugängliche, bislang unwirtschaftliche Lagerstätten erschlossen werden. Gleichzeitig muss die Energieeffizienz gesteigert werden. Vor allem sind moderne Kraftwerke nötig, die mit weniger Brennstoff auskommen und weniger Kohlendioxid ausstoßen. Und schließlich muss der Einsatz der erneuerbaren Energien massiv steigen.

Für die Verbraucher hat das unerfreuliche Konsequenzen. Die Energiepreise werden steigen, prognostiziert der Weltenergierat. Und er vertritt die provokante These, dass sie sogar steigen müssen, damit die Weltgemeinschaft ausreichend Anreize bekommt, zügig zu investieren.

Man muss der deutschen Politik, der rot-grünen und der aktuellen, zugutehalten, dass sie das Thema Energie- und Klimapolitik oben auf die Agenda gesetzt hat. Bei den erneuerbaren Energien ist Deutschland sogar Vorreiter. Die Diskussion verläuft aber zu kleinteilig und vernebelt den Blick für die globalen Verflechtungen. Heute wird über hohe Strom- und Gaspreise diskutiert, morgen wahrscheinlich wieder über Umweltschutz und übermorgen über die unsicheren Gaslieferungen aus Russland. Dass Preisentwicklung, Umweltschutz und Versorgungssicherheit eng miteinander verflochten sind, wird allzu oft missachtet.

Gleichzeitig wird die Debatte meist populistisch geführt. Bei allem Ärger über den unzulänglichen Wettbewerb auf dem deutschen Energiemarkt: Die Debatte über die Strom- und Gaspreise und die Marktmacht der großen Versorger erweckt den falschen Eindruck, Energie könnte wieder günstiger werden.

Vor allem aber ist die Debatte zu sehr von Ideologien geprägt. In Anbetracht der enormen Herausforderungen und des globalen Wettlaufs um Ressourcen ist es fatal, einzelne Energieträger und Technologien auszuschließen. In Deutschland werden die Chancen der erneuerbaren Energien wahlweise über- oder unterbewertet, Kohle verteufelt oder verherrlicht. Und dass die globalen Probleme ohne Kernenergie zu lösen seien, glauben in Rom nur Außenseiter.

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