Energie
Gefangen

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Deutschlands Stromerzeugung droht ihre breite Basis zu verlieren. Die installierten Atomreaktoren sollen stillgelegt werden; Anfang der übernächsten Dekade könnte die letzte Anlage vom Netz gehen. Kohlekraftwerke stoßen in der Bevölkerung auf immer weniger Akzeptanz und drohen unwirtschaftlich zu werden, wenn die geplanten ehrgeizigen CO2-Emissionsverringerungen umgesetzt werden. Damit stehen 70 Prozent der Stromerzeugungskapazitäten auf der Kippe.

Ob erneuerbare Energien rechtzeitig in ausreichendem Umfang bereitgestellt werden können, ist höchst zweifelhaft. Der aktuelle Beitrag zur Elektrizitätsproduktion beläuft sich auf 14 Prozent. Die politisch angepeilten Anteilswerte zwischen 30 und 40 Prozent bis zum Jahr 2020 sind außerordentlich ehrgeizig. Weder der Offshore-Windkraftstrom noch die notwendigen Netzkapazitäten werden kurz- bis mittelfristig im gewünschten Umfang bereitstehen. Die Anlagen in großen Meerestiefen müssen erst noch auf breiter Basis getestet werden. Solare Kraftwerke sind in Deutschland keine wirtschaftliche Option.

Vor diesem Hintergrund bieten Erdgaskraftwerke einen Ausweg aus der Sackgasse. Diese Stromerzeugung ist CO2-arm; die Anlagen können schnell errichtet werden und sind relativ rasch amortisiert. Doch der Rohstoff ist weltweit hochkonzentriert und kann auf absehbare Zeit beinahe nur von Russland in Pipelines kostengünstig im großen Umfang geliefert werden.

Vom deutschen Erdgasaufkommen entfallen schon heute 37 Prozent auf russische Bezüge. Dieser Beitrag wird von der Staatsgesellschaft Gazprom bezogen. Die BASF-Tochter Wintershall und Eon kooperieren eng mit dem russischen Partner und wollen sich beim Aufschluss von Erdgas in Sibirien engagieren. Solange wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Deutschland und Russland fortentwickelt werden können, sind kalkulierbare Beziehungen in Sicht. Die Balance wird aber gefährdet, wenn die gesamte Primärenergieversorgung Deutschlands allzu sehr auf russische Quellen ausgerichtet wird.

Sollten hierzulande Erdgaskraftwerke auf Anteilswerte an der Stromproduktion von mehr als 30 Prozent gegenüber heute verdreifacht werden, wird Russlands Gewicht überdurchschnittlich wachsen müssen. Denn die Bezüge von verflüssigtem Erdgas aus weit entfernten Regionen sind gegenüber russischem Pipelinegas wesentlich teurer und daher nur in begrenztem Umfang wirtschaftlich verdaubar.

Andere Pipelinequellen sind entweder wie Norwegen aus Ressourcengründen nur begrenzt ausbaubar oder aus politischen Gründen gefährdet beziehungsweise von Nachfragekonkurrenten umworben. Die Nabucco-Pipeline, die zentralasiatisches und längerfristig auch iranisches Gas erschließen soll, ist ein Hoffnungsträger, der schon lange diskutiert wird, aber mit beträchtlichen Risiken behaftet bleibt. Bislang sind sechs Partner – aus Deutschland die RWE AG – im Nabucco-Konsortium vertreten. Ein energiestrategisches Faustpfand, so die Bewertung der EU-Kommission, kann diese Pipeline aber nur dann darstellen, wenn Gazprom als Partner außen vor bleibt und genügend Lieferungen aus Zentralasien sowie dem Nahen Osten verfügbar gemacht werden können.

Zwischen Nordafrika und Europa sind neue Pipelines schon im Bau. Doch auch hier mischt sich Moskau ein. Wladimir Putin vereinbarte Mitte April mit Libyen einen Vertrag über die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens, das Erdöl und Erdgas fördern und vermarkten soll. Gazprom kooperiert gleichzeitig schon länger mit Algeriens Staatsgesellschaft Sonatrach. Moskau versucht zudem, mit Iran und den Kaukasus-Republiken ein Gaskartell aufzubauen. Je stärker Europas Gasnachfrage zunimmt, umso größer wird die Gefahr einer Gas-Opec.

Die deutschen Stromproduzenten müssen bereits feststellen, dass langfristige Gasbezugsverträge mit kalkulierbaren Konditionen kaum noch realisierbar sind. Die ausländischen Gasproduzenten mit Gazprom an der Spitze wollen sich an Gaskraftwerken als gleichberechtigte Partner beteiligen und an der Wertschöpfung direkt beteiligt bleiben. Die Verhandlungsspielräume der deutschen Elektrizitätsversorger werden besonders gering, wenn Alternativen zum russischen Gas begrenzt werden. Mit den Optionen Kernenergie und Kohle sowie mit einem stabilen Partnerschaftsabkommen zwischen EU und Russland, über das nun nach der Aufgabe des Vetos von Litauen verhandelt wird, könnten hingegen einseitige Energieabhängigkeiten gemildert werden. Energiepolitische Ausstiegsbeschlüsse oder bilaterale Absprachen mit Moskau würden die russische Energiedominanz vergrößern und in eine Erdgasfalle führen

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