EU-Kommissionspräsident
Nur dritte Wahl

Die Europäische Union ist in schlechter Verfassung. Zwar hat der EU-Gipfel vor einer Woche den ersten Verfassungsvertrag beschlossen. Doch hinter den Kulissen haben sich die Staats- und Regierungschefs um die Nachfolge von EU-Kommissionspräsident Romano Prodi zerstritten. Das Hauen und Stechen, dem so renommierte Kandidaten wie der belgische Premier Guy Verhofstadt und der britische EU-Außenkommissar Chris Patten zum Opfer fielen, drehte sich beileibe nicht nur um Personen. Es ging auch um alte Rechnungen aus den Auseinandersetzungen um den Irak-Krieg, um neue Machtansprüche und um die Zukunft der Union: Während Deutsche und Franzosen die europäische Integration energisch vorantreiben möchten, treten die Briten – unterstützt von einigen neuen EU-Mitgliedern – auf die Bremse.

Wenn dieser Machtkampf nicht in eine Dauerkrise münden soll, braucht die EU nach Prodis Abgang im November einen starken, unangefochtenen Kommissionspräsidenten. Genau hier liegt das Problem mit dem neuen Favoriten, dem portugiesischen Ministerpräsidenten José Manuel Durão Barroso. Zwar erfüllt Barroso die Mindestanforderungen, die sich im Ringen der EU-Regenten herausgeschält haben: Er kommt aus einem kleinen EU-Land, das zur Euro-Zone gehört, ist konservativ und spricht mehrere Sprachen – inklusive Englisch und Französisch.

Doch als starker, durchsetzungsfähiger Politiker gilt Barroso nicht einmal in Portugal. Bei der Europawahl heimste er in Lissabon eine schwere Schlappe ein – nicht gerade eine Empfehlung für Brüssel. Und auf dem EU-Parkett ist er bisher kaum in Erscheinung getreten, sieht man einmal von seiner dubiosen Rolle als Gastgeber des Azoren-Gipfels kurz vor dem Irak-Krieg ab. Damals brachte Barroso die Kriegsgegner Deutschland und Frankreich gegen sich auf – heute sind sie offenbar bereit, ihn als Kompromisskandidaten zu akzeptieren.

Doch selbst mit Zustimmung seiner früheren Kritiker bleibt Barroso nur dritte Wahl. Die EU-Granden sollten sich daher gut überlegen, ob sie ihn tatsächlich wie geplant am Dienstag zum Prodi-Nachfolger küren. Sie hätten damit zwar Zweifel an ihrem Einigungswillen zerstreut, doch die Führungskrise in der EU um weitere fünf Jahre verlängert.

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