Euro
Keine Angst

Kümmert unsere Währung heute niemanden mehr? Sieht man von Paris ab, wo Politiker in alter Manier darauf hinweisen, dass der hohe Wechselkurs der nationalen Wettbewerbsfähigkeit schadet, scheint es so.

Es ist wahr: Der steigende Euro belastet die Gewinne unserer Unternehmen. Aber: Die negativen Folgen werden immer geringer. Denn die Globalisierung nimmt den üblichen Wechselkursschwankungen viel von ihrem alten Schrecken. Auffällig ist, wie wenig Politiker, Gewerkschafter und Unternehmer in den letzten Wochen klagen, obwohl sich der Euro seinem Allzeithoch von 1,366 Dollar bedrohlich nähert. Auch die Europäische Zentralbank übt sich in Gelassenheit. Noch vor drei Jahren verabreichte sie verbale Keulen, als ihr Chef Jean-Claude Trichet den damaligen Höhenflug als „brutal“ brandmarkte. Im Jahr 2000 griffen die Notenbanker gar zum Äußerten, indem sie gemeinsam mit Amerikanern und Japanern an den Devisenmärkten intervenierten, um den damaligen Verfall letztlich erfolgreich zu beenden.

Kümmert unsere Währung heute niemanden mehr? Sieht man von Paris ab, wo Politiker in alter Manier darauf hinweisen, dass der hohe Wechselkurs der nationalen Wettbewerbsfähigkeit schadet, scheint es so. Der Wahlkampf im Nachbarland erklärt und verzeiht vieles. Fakt ist, dass ein starker Euro die Gewinne europäischer Konzerne immer noch schmälert. Schließlich verteuern sich europäische Produkte im Dollar-Raum, so dass sich die Waren schwerer verkaufen lassen. Und selbst wenn die Unternehmen in den USA produzieren, müssen sie immer noch Umsätze und Gewinne in der Bilanz vom weichen Dollar in den harten Euro umrechnen. Der ungünstige Umrechnungskurs kostet schnell einige Millionen Euro.

Fakt ist auch, dass es mit Hilfe einer schwachen Währung noch mehr Aufträge für unsere Industrie gäbe. Schließlich wären die Produkte preiswerter und damit noch wettbewerbsfähiger. Aber solange die meisten Unternehmen – wie im jetzigen Aufschwung – am Anschlag produzieren und verkaufen, sind erst einmal alle zufrieden. Mehr könnten die meisten Maschinenbauer und Elektronikspezialisten im Moment ohnehin nicht absetzen. Hinzu kommt, dass die Unternehmen dank der schleichenden Euro-Stärke diesmal genug Zeit hatten, sich mit Absicherungsgeschäften auf die starke Währung einzustellen. Der Euro stieg gegenüber dem Dollar peu à peu und vor allem ohne kräftige Ausschläge. Das erleichterte vorausschauendes Hedging, also die Absicherung mittels Options- und Termingeschäften. Euro oder Dollar zu einem festen Preis für die Zukunft zu kaufen gehört inzwischen für fast alle Firmen mit internationalem Anspruch zum Alltag. Beileibe nicht nur für große Autokonzerne wie BMW oder Porsche.

Schließlich, und das ist am wichtigsten, profitieren die Unternehmen mehr denn je von den offenen Märkten. Um den Folgen der Globalisierung mit immer preiswerteren Arbeitskräften und billigeren Produkten zu begegnen, investieren die Europäer kräftig in Auslandsstandorte. Thyssen-Krupp beispielsweise baut für drei Milliarden Euro ein Stahlwerk in Brasilien. Im Südosten der USA sucht der Stahlhersteller einen Standort für ein weiteres Werk. Continental stellt seine Reifen in Tschechien her, MAN baut ein LKW-Werk in Polen. All das senkt Kosten, erhöht die Gewinne, bringt Nähe zum Kunden und damit Wettbewerbsvorteile. Bei einem steigenden Euro zahlt sich diese Strategie zusätzlich aus. Denn der negative Effekt, dass sich Exporte verteuern, entfällt. Dieser Trend herrscht europaweit. Die 30 größten deutschen börsennotierten Unternehmen im Dax verringerten in den letzten fünf Jahren ihren Umsatz im Inland um knapp ein Fünftel auf nur noch 30 Prozent. Konzerne wie Altana, Bayer, Daimler-Chrysler und FMC erwirtschaften inzwischen weniger als 20 Prozent ihres Umsatzes in Deutschland. In Frankreich sind es Konzerne wie Alcatel, Alstom, Lagardère, LVMH, Michelin, Pernod-Ricard, Renault, Saint Gobain oder Sanofi-Aventis, die mehr als die Hälfte ihre Umsätze im Ausland machen – Tendenz überall steigend.

Und es sind keineswegs mehr nur die ganz Großen, die sich so sehr internationalisieren. Auch in der zweiten und dritten Reihe, also im MDax und SDax, machen die Unternehmen inzwischen mehr Umsatz im Ausland als in der Heimat. Angesichts solcher dramatischen Verschiebungen sollte es niemanden verwundern, wenn in Zukunft allenfalls noch im Wahlkampf eine Hand voll Politiker stereotyp nach einem schwächeren Euro rufen. Die Unternehmen jedenfalls belastet das Auf und Ab immer weniger. Kurzfristig, weil die starke Konjunktur negative Folgen übertüncht. Langfristig, weil die Firmen dort produzieren, wo sie verkaufen. Wer den Märkten folgt, schlägt Währungsschwankungen ein Schnippchen.

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