Fed-Entscheid
Kommentar: Wie im Märchen

Mit seiner kräftigen Zinssenkung von einem halben Prozentpunkt entführt Fed-Chef Bernanke seine Landsleute in die Fabelwelt, wo man mit gutem Willen und einigen Tricks selbst die größten Herausforderungen bestehen kann. Dieses Märchen wird allerdings kein Happy End haben.
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Der Baron von Münchhausen hat bekanntlich versucht, sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Genau das gleiche Kunststück versuchen jetzt die Amerikaner inmitten ihrer Immobilienkrise. Den Part des abenteuerlustigen Barons hat dabei der US-Notenbank-Chef Ben Bernanke übernommen.

Bernanke ist den Sirenengesängen der Wall Street gefolgt und hat den Geldhahn ganz weit aufgedreht. Die Börse jubelt. Am lautesten jubeln jene Investoren, die sich in den letzten Jahren kopflos in riskante Anlagen gestürzt haben. Sie können jetzt hoffen, dass die Fed ihre Suppe auslöffelt.

Bernanke kehrt wie sein Vorgänger Alan Greenspan den Scherbenhaufen nach dem Ende einer Spekulationsparty zusammen. Bei Greenspan war es die Dotcom-Blase, bei Bernanke ist es der Immobilienboom. Dass die Fed immer wieder in die Rolle des Straßenfegers gerät, hat sie sich selbst zuzuschreiben.

Hätte die Notenbank die Immobilienblase nicht mit ihrer lockeren Geldpolitik zwischen 2001 und 2004 heraufbeschworen, müsste sie jetzt nicht der schwächelnden Konjunktur zur Hilfe eilen. Das geht noch auf das Konto des früheren Fed-Chefs Greenspan, der in diesen Tagen mit seinen gesammelten Weisheiten durch die Buchläden tingelt.

Aber auch Bernanke hat seinen Teil zur aktuellen Krise auf den Finanzmärkten beigetragen. Hätte er die Warnzeichen auf dem amerikanischen Subprime-Markt früher erkannt und rechtzeitig gegengesteuert, wäre den Märkten der Zickzack-Kurs der Fed erspart geblieben. Zur Erinnerung: Anfang August hatte die Notenbank das größte Risiko noch in der Inflation gesehen. Als sich die Kreditkrise jedoch immer mehr zuspitzte, schickten Bernanke & Co. zehn Tage später einen Brandbrief hinterher. Jetzt war auf einmal die Konjunktur die Hauptsorge der Fed, und die Notenbank stieß ihr Diskont-Fenster weit auf.

Zwar ist es richtig, dass die Krise auf die reale Wirtschaft überzugreifen droht. Wir haben es nicht nur mit einer klassischen Kreditklemme zu tun, aus der man sich mit einer Öffnung des Diskont-Fensters für die Banken wieder befreien kann. Das Baugewerbe befindet sich bereits in einer Rezession. Wenn die Amerikaner erst einmal merken, dass sie ihre Häuser nicht mehr als Geldautomaten nutzen können, könnte auch der bisherige Konsumrausch rasch verfliegen.

Die Geschichte der letzten Finanzkrise 1998 lehrt jedoch, dass sich Liquiditätsprobleme ebenso schnell wieder auflösen können, wie sie gekommen sind. Ähnlich wie heute öffnete die Fed damals die Geldschleusen und schoss weit über das Ziel hinaus. Außerdem sollte die Notenbank trotz der gegenwärtigen Ruhe an der Preisfront die Inflationsgefahr nicht aus dem Auge verlieren. Bei einem Ölpreis von mehr als 80 Dollar je Fass und einem taumelnden Dollarkurs wäre es besser gewesen, Bernanke hätte es bei einem kleinen Zinsschritt belassen.

So werden die Amerikaner spätestens bei der nächsten Spekulationsblase wieder darüber rätseln, warum sie immer noch im Sumpf sitzen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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