Fernsehen
Drohendes Abseits

Der stets charmante Ufa-Chef Wolf Bauer kennt die Schwächen seiner Kunden in der Fernsehbranche. Das ist auch beim von Krisen geschüttelten Bezahlsender Premiere nicht anders.
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Als Georg Kofler das spannende Pokerspiel um die TV-Rechte der Fußball-Bundesliga spektakulär verloren hatte, suchte der Boss von Deutschlands größtem Fernsehproduzenten mehrfach das Gespräch mit dem Premiere-Chef. Das Verkaufstalent Bauer versuchte, Kofler davon zu überzeugen, dass er unbedingt eigenproduzierte Serien und Fernsehfilme benötige, um Premiere zu einer Erfolgsgeschichte machen zu können. Doch Bauer, der in der Branche als Visionär gilt, rannte in Unterföhring bislang gegen eine Gummiwand an. Kofler entschied: Sport ist unser Leben. Premiere sollte mit Fußball, nochmals Fußball und ein wenig Formel 1 den Erfolg sichern. Doch daraus wurde nichts. Kofler hat den Bezahlsender, der nach der Kirch-Pleite am Rande des Abgrunds stand, zwar erfolgreich an die Börse gebracht und saniert. Doch Premiere steht mit seiner einseitigen Ausrichtung auf Sport auf tönernen Füßen.

Der vorübergehende Verlust der Bundesliga war ein Trauma. Die Gewinnung neuer Abonnenten kam längst nicht wie geplant voran, der Umsatz pro Abonnent sinkt besorgniserregend. Das Schlimmste: Die Konkurrenz wird stärker. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein neuer, frei zu empfangender Sender an den Start geht. Seit dem Siegeszug des schnellen Internets ist zudem klar, dass ein DSL-Anschluss vielen Deutschen offenbar wichtiger ist als ein Abo von Premiere. Koflers Zeitpunkt für den Abgang ist gut gewählt. Denn mit seiner Programmstrategie läuft der Bezahlsender in die Abseitsfalle. Selbst die Live-Rechte der Fußball-Bundesliga, die nach dem Ende des Pay-TV-Konkurrenten Arena wieder Premiere zufielen, reichen nicht aus, um mit dem Bezahlfernsehen auf Dauer gute Geschäfte machen zu können. Durch den Fortbestand der „Sportschau“ in der ARD und durch die wachsende Zahl von superschnellen Internetanschlüssen gibt es auch beim Sport zu viele Alternativen zu Premiere. Kofler hat das längst erkannt und nach seinen Aktienverkäufen wie erwartet das Weite gesucht.

Sein Nachfolger Michael Börnicke versucht nun, die verunsicherten Aktionäre mit höheren Renditeversprechen bei der Stange zu halten. Noch funktioniert das Prinzip Hoffnung an der Börse. Die Frage ist nur, wie lange. Denn strategisch steckt Premiere in der Sackgasse. Ohne einen Kurswechsel wird der bisherige Finanzvorstand Börnicke, der am 1. September den Chefsessel bei Premiere übernimmt, die hohen Erwartungen nicht erfüllen können. Das Ende der Ära Kofler bietet endlich die Chance für einen inhaltlichen Neuanfang. Premiere benötigt exzellente und exklusive Filme und Serien aus heimischer Produktion, die das Stammpublikum binden und neue Abonnenten anlocken. Der US-Konkurrent HBO macht dies bereits seit vielen Jahren vor: Mit technisch und dramaturgisch raffinierten Filmen und Miniserien steht der Bezahlsender für qualitativ hochwertiges Fernsehen und sichert damit seine Marktmacht. Auch der französische Pay-TV-Sender Canal Plus hat sich seit seinem Bestehen mit seinem Angebot von selbst produzierten und exklusiven Filmen und Serien vom billigen Massenprogramm frei zu empfangender Sender abgesetzt.

Seit Wochen kursieren Gerüchte, dass sich Canal Plus an Premiere beteiligen könnte. Kofler hatte mit den Franzosen mehrmals gesprochen. Auch sein Nachfolger Börnicke wäre gut beraten, sich mit dem Pariser Bezahlsender genauer zu beschäftigen. Denn sich nur wie bisher in Hollywood mit den neuesten Kinofilmen einzudecken wird nicht ausreichen, neue Zuschauer und damit Abonnenten zu gewinnen. Canal Plus weiß, wie es auch anders gehen kann, und könnte den Deutschen bei der Neuausrichtung helfen. An Geld dürfte die strategische Kehrtwende nicht scheitern. Denn im Vergleich zu den teuren Bundesligarechten kostet ein Dutzend Fernseh-Großereignisse wie „Dresden“, „Die Flucht“, „Sturmflut“ pro Jahr nicht einmal die Hälfte. Durch einen Weiterverkauf von Rechten kann zudem ein Teil der Produktionskosten wieder reingeholt werden. Vielleicht findet Ufa-Chef Bauer doch noch ein offenes Ohr bei Premiere.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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