Finanzmärkte
Neue Herrscher

Die Wall Street ist besessen vom Private-Equity-Geschäft. In den Handelsräumen der großen Investmentbanken wetten die Händler auf das nächste Ziel der privaten Firmenjäger.

Die Spezialisten für Übernahmen und Fusionen (M&A) buhlen um die nächsten Beratungsaufträge, und die Banker der Finanzmeile basteln an den Finanzierungspaketen für die meist mit hohen Krediten finanzierten Transaktionen. Immer häufiger nehmen dabei die Investmentbanken auch selbst viel Geld in die Hand, um entweder zusammen mit ihren Kunden oder alleine auf Firmen-jagd zu gehen.

Ähnlich große Aufmerksamkeit bei den Bankern der Wall Street genießen im Moment nur noch die Hedge-Fonds. Hier kämpfen alle großen Investmentbanken darum, als so genannte „Prime Broker“ die milliardenschweren Wetten der Finanzakrobaten abzuwickeln und oft auch zu finanzieren. Außerdem kopieren viele Finanzhäuser inzwischen die Anlagestrategien der Hedge-Fonds und wetten selbst mit riskanten Derivaten auf den Terminmärkten oder beteiligen sich an der Spekulation auf den volatilen Rohstoffmärkten. Goldman Sachs ist dabei so aggressiv und erfolgreich, dass die Investmentbank bereits als „der weltgrößte Hedge-Fonds“ bezeichnet wird.

Die Finanzinvestoren haben nicht nur die Unternehmenslandschaft rund um den Globus verändert, sondern auch die Machtverhältnisse an der Wall Street verschoben. Es sind die Strategien und Geschäftsmodelle der Private-Equity-Firmen und Hedge-Fonds, die am wichtigsten Finanzplatz der Welt den Ton angeben. Das klassische Investment-Banking mit dem M&A-Geschäft, der Platzierung von Unternehmensanleihen und der Begleitung von Börsengängen spielt im Moment nur die zweite Geige.

So ist es kein Zufall, dass die New York Stock Exchange (NYSE) als weltgrößter Finanzmarkt die Aktivitäten der Firmenjäger und Finanzakrobaten genau beobachtet. Bestimmen sie doch nicht nur einen großen Teil des täglichen Börsenhandels, sondern entscheiden auch darüber, welche Firmen sich von der Börse verabschieden oder am Aktienmarkt zurückmelden. Und es ist auch nicht zufällig, dass Goldman Sachs mit Lloyd Blankfein einen ausgewiesenen Händler und nicht einen Investmentbanker zum neuen Chef gekürt hat.

Dass die Wall Street dem neuen Trend so schnell und entschlossen gefolgt ist, hat einen einfachen Grund: Die Banker gehen dort hin, wo das meiste Geld ist. Angesichts der mageren Renditen an den Aktien- und Anleihemärkten suchen große institutionelle Investoren wie Pensionsfonds und Stiftungen nach gewinnbringenderen Anlagen. Finanzinvestoren liefern immer noch hohe zweistellige Renditen, die bis zu 70 Prozent erreichen können. Kein Wunder, dass Private-Equity-Fonds auf dem besten Wege sind, in diesem Jahr eine Rekordsumme von 300 Mrd. Dollar einzusammeln.

Finanzinvestoren verdienen jedoch nicht nur das meiste Geld, sondern setzen auch Trends. Ein Beispiel: Die Geschäftsstrategien der neuen Herrscher der Finanzwelt vermischen sich immer stärker. Private-Equity-Firmen wie Carlyle gründen eigene Hedge-Fonds. Die Finanzakrobaten wiederum investieren immer öfter direkt in Privatunternehmen. Das vergrößert ihre Macht und stärkt ihre Stellung gegenüber den Helfershelfern an der Wall Street.

Goldman & Co. müssen dennoch nicht fürchten, von den Finanzinvestoren an die Wand gedrückt zu werden. Die Investmentbanken haben früh reagiert und sich schnell dem Trend angepasst. Alle bauen ihr Private-Equity-Geschäft aus und bieten den Hedge-Fonds ein komplettes Paket von Finanzdienstleistungen aus einer Hand an. Nach Berechnungen der Investmentgesellschaft Sanford Bernstein in New York hat allein Goldman Sachs im letzten Jahr 679 Mill. Dollar vor Steuern mit dem Private-Equity-Geschäft verdient. Analysten der Großbank ABN Amro schätzen, dass die Investmentbranche durch ihre vielfältigen Dienstleistungen für die Hedge-Fonds-Branche bis zu 26 Mrd. Dollar pro Jahr verdienen kann.

Die Gefahr für die Wall Street besteht also nicht darin, dass die Investmentbanken beim Boom der Finanzinvestoren zu kurz kommen. Gefährlicher ist, dass sie den Firmenjägern und Finanzakrobaten bei ihren oft undurchschaubaren Manövern folgen und dabei Kopf und Kragen riskieren. Die meisten Deals der Private-Equity-Firmen und Hedge-Fonds wären ohne die hohen Kredite der Banken nicht denkbar. Geht eine große Wette einmal daneben, könnte es schnell zu einem Domino-Effekt kommen. Die Investmentbanken verweisen zwar auf ihr ausgeklügeltes Risiko-Management. Die Vergangenheit lehrt jedoch, dass die „ansteckende Gier“ (Alan Greenspan) an der Wall Street meist die Oberhand behalten hat.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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