Finanzmärkte
Unerforschte Ströme

Kein Bericht über den Absturz asiatischer Aktien kommt derzeit ohne einen Hinweis auf den Rückfluss der so genannten Carry Trades aus. Doch den vielfältigen Einschätzungen der großen Finanzhäuser zu diesem Thema ist kaum zu trauen, denn die Anlagefirmen sind meist vom Ausgang dieser Geschäfte betroffen, während harte Fakten darüber fast völlig fehlen. So wissen weder externe Experten noch die japanische Zentralbank genau, wie viel Geld in den Carry Trades steckt. Investoren profitierten durch diese Geschäfte vom Zinsunterschied zwischen Japan und anderen Ländern und lösten damit eine Abwertung des Yens aus.

Jetzt werden viele dieser Zinsarbitrage-Geschäfte wieder aufgelöst – und der Yen schießt wieder nach oben. Die Schätzungen der Ökonomen über den Umfang dieser Transfers variieren zwischen einigen Milliarden Euro und vielen hundert Milliarden Euro. Die Bank of Japan weigert sich, konkrete Zahlen herauszugeben. Eingeweihte werten dies als Eingeständnis, dass auch sie das Gesamtbild nicht vor Augen hat. Devisenexperten besitzen zwar Anhaltspunkte für das Ausmaß. Auch sie verraten jedoch nicht, wie viel sich schon aufgehäuft hat.

Solange aber keiner weiß, wie viel Geld über die Carry Trades auf dem Globus unterwegs ist, lässt sich das Risiko nicht abschätzen. Dementsprechend vielfältig ist die Bandbreite der Szenarien. Die einen warnen vor einem Desaster für Kleinanleger in allen Erdteilen, die anderen halten den Yen gerade erst für fair bewertet.Es ist Aufgabe der großen Finanzakteure, dabei zu sein, wenn es Geld zu verdienen gibt. Die Profis werden den Interpretationsspielraum, den der Mangel an Fakten bietet, trotz aller Ethikregeln nicht zum Schaden ihrer eigenen Häuser nutzen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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