Fluggesellschaften
Lemminge der Lüfte

Der Lauf der Lemminge ist seit Walt Disney legendär. Dem Film „White Wilderness“ zufolge treiben sich die Nager gegenseitig bis zum Abgrund – und stürzen sich dann zusammen in den Tod. Die Fluggesellschaften zeigen heute ein ähnliches Verhalten.
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Emirates, Qatar Airways und seit kurzem auch die lange von Pleitegeiern umkreistenUS-Airlines ordern und ordern und ordern. Und zwar beinahe blind. Selbst für den noch zu entwickelnden neuen Langstreckenflieger A350 XWB gibt es schon 120 feste Bestellungen. Bis zum Jahr 2025 wird sich die Zahl der Passagierjets auf 30 000 verdoppelt haben. Beim deutsch-französischen Flugzeugbauer Airbus knallen die Champagnerkorken noch bevor die Konkurrenz von Boeing ihre Coca Cola auf den Erfolg des Dreamliners, die B787, ausgetrunken hatte. Doch wie einem Trinkgelage wird auch der Orderwut der Fluggesellschaften die Ernüchterung in Form von Überkapazitäten folgen. „Der Boom könnte zum Boomerang werden,“ warnte bereits der Chef des Luftfahrtweltverbands IATA, Giovanni Bisignani.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Seit der Krise Anfang dieses Jahrzehnts hat die Branche Disziplin bewiesen. Die Interkontinentalverbindungen der europäischen Fluglinien – und selbst auch die der US-amerikanischen – waren erstmals seit Jahrzehnten von einem konsequenten, an der Nachfrage ausgerichteten Kapazitätsmanagement geprägt. Auch die hohen Ölpreise konnten auf Grund von Preismacht systematisch in Form von Zuschlägen an die Passagiere weitergereicht werden. Hohe Sitzladefaktoren und für die traditionell margenschwache Branche gute Gewinne waren die Folgen. Die Überkapazitäten werden zwar nicht schlagartig auftreten, da sich Airbus und Boeing mit eigenen Kapazitätserweiterungen noch zurückhalten und in den kommenden zehn Jahre wohl mit der Abarbeitung der Rekordauftragsbestände beschäftigt sein werden. Mittelfristig, also spätestens 2012, wird das Angebot aber die Nachfrage bei einem weltweiten Passagierwachstum von fünf Prozent pro Jahr übersteigen. Die Margen werden entsprechend sinken.

Denn Klimawandel hin oder her: Die Neubestellungen dienen weniger der Flottenerneuerung bei etablierten Fluggesellschaften in Europa und den USA, sondern vielmehr der Flottenerweiterung von Newcomern. Der Chef einer führenden Fluggesellschaft brachte es jüngst auf den Punkt: „Die zwei Jahre Verspätung beim Riesenairbus A380 sind kein Fluch, sondern eine Segen für die Fluggesellschaften.“ Der Lauf der Lemminge wird angeführt von Wüstenfüchsen wie Emirates, Qatar und dem Leasingbetreiber Alafco aus Kuwait, deren Besitzer Geld wie Sand haben und ihre Zukunft in der Fliegerei sehen. Auch der Enthusiasmus exzentrischer Multimilliardäre wie Richard Branson ist kaum zu bremsen. Nach Inkrafttreten des Open-Skies-Abkommen zwischen der EU und den USA will Branson im nächsten Jahr nicht mehr nur in London starten und landen, sondern auch in anderen europäischen Städten wie Frankfurt und Zürich. Die Folge: ein Preiskrieg über dem Nordatlantik.

Die Bestellungen der neuen Langstreckenflieger A350 XWB und B787 sind zudem eine Wette auf die Zukunft. Mit ihnen sollen vor allem dezentrale Punkt-zu-Punkt-Verkehre geflogen werden. Ob aber auf der Langstrecke eine Nachfragewelle ausgelöst werden kann wie seit Mitte der 90er-Jahre durch die Billigflieger auf der Kurz- und Mittelstrecke ist fraglich. Denn was von Frankfurt-Hahn nach Pisa noch kurzweilig und cool ist, das ist auf der Langstrecke in der Economy Class ein Martyrium für Körper und Geist. Die Preisunterschiede zwischen Billig- und Linienflieger werden auf der Langstrecke zudem nicht so groß sein. Doch nicht alle Fluggesellschaften sind Lemminge. Die Lufthansa hat zwar als eine der ersten die A380 geordert, beinahe noch antizyklisch, die Orderwut der anderen hat die Frankfurter bisher aber nicht befallen. Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber bleibt dem konservativen Kurs treu. Bei der Präsentation der Zahlen für das erste Quartal setzte er das Profitabilitätsstreben über alles. Die Lufthansa will die Nummer eins werden und die direkten Wettbewerber British Airways und Air France-KLM überholen – und zwar nicht auf der Order-, sondern auf der Profitliste.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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