Ganz Deutschland schaut auf Wahlkreis 160
Dresdner Direktkandidaten im Endkampf

An der Glastür hängt verschämt ein weißes kleines Schild. "SPD-Ortsverein Dresden-Striesen - 2. Etage rechts" steht darauf. 30 Männer und zwei Frauen sind an diesem Abend gekommen und haben die Elefantenrunde der Parteichefs im Ersten sausen lassen. Das müssen sie nicht einmal bereuen.

DRESDEN. Das Diskussionsniveau hält durchaus mit dem TV-Duell mit. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Marlies Volkmer (58) beleidigt den Unions-Finanzexperten Paul Kirchhof als "Scharlatan", dann räumt sie mit der Steuerpolitik des Professors aus Heidelberg auf. Die Ärztin, die seit 2002 im Bundestag sitzt, schießt sich aber nicht nur auf die Opposition ein. Gerhard Schröder kommt auch nicht gut weg. "Diese Art der Informationspolitik des Kanzlers bei Hartz IV wird sich nicht wiederholen", verspricht sie der Basis. Die bricht in Gelächter aus. "Das stimmt. Nicht mehr mit Schröder", hört man hämisch aus der hinteren Reihe. So habe sie das nicht gemeint, ätzt Volkmer zurück.

Ein ganz normaler Wahlkampfendspurt in Dresden? Mitnichten! Seit die NPD-Bundestagskandidatin Kerstin Lorenz bei einer Wahlkampfveranstaltung am vergangenen Montag zusammen brach und zwei Tage später verstarb, interessiert sich ganz Deutschland für den Wahlkreis 160 oder wie er auch genannt wird: Dresden I.

Der Grund ist einfach: Die 219 000 Stimmberechtigten wählen am 18. September nicht mit - so sieht es das Gesetz vor. Der Urnengang findet am 2. Oktober statt. Mit der Konsequenz: Erreicht beispielsweise Schwarz-Gelb nur eine hauchdünne Mehrheit, steht Deutschland am 18. September ohne Wahlsieger da. Die Stimmen aus Dresden könnten das Ergebnis ja noch drehen. Fragt man Wahlrechtsexperten, warum das so ist, kommen die ins Schwärmen. Ein Eldorado für Juristen im Wahlsystem tut sich auf. Gerafft lässt sich sagen: Es geht nicht nur um das Direktmandat. Die Zweitstimmen könnten die Listenplätze und die Überhangmandate verändern. Selbst Kandidaten aus anderen Bundesländern müssen deshalb bis zum 2. Oktober zittern, sind sich alle einig. Alles ist möglich.

Seitdem das klar ist, stehen die Mobiltelefone der Direktkandidaten nicht mehr still. Fernsehteams befragen Marlies Volkmer, CDU-Mann Andreas Lämmel oder die Linksparteikandidatin Katja Kipping über alle Raffinessen des Wahlrechts. Quetschen aus ihnen heraus, dass bereits Parteiprominenz wie Angela Merkel und der Bundeskanzler für den Fall der Fälle angefragt sind. Dass die Wahlkampfzentralen in Berlin geraten haben, "Business as usual" bis zum 18. September zu machen. Danach erst werde ganz neu sortiert. Viele wollen auch wissen, wie die vom Wahlschicksal Auserwählten damit umgehen, vielleicht über die politische Zukunft Deutschlands zu entscheiden. Für die SPD-Abgeordnete Volkmer ist das einfach. Sie, die sich selbst zur Parlamentarischen Linken zählt, dass ausgerechnet sie vielleicht den Kanzler retten sollte, der auch wegen ihrer Politik die Vertrauensfrage stellte, stört sie nicht: "Er hat sich ja geändert. Jetzt kann ich sein Programm mittragen", stellt sie fest.

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