Gastbeitrag
Gründer in die Familienunternehmen!

Es ist paradox: Immer mehr junge Menschen wollen sich selbständig machen – aber viele Familienunternehmen keinen Nachfolger. Wie wäre es, wenn man die Start-up-Gründer für den Mittelstand begeistert?
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Die deutsche Start-up-Szene boomt. Zahlreiche Gründer versuchen ihr Glück, und der Deutsche Startup Monitor 2014 zeigt, dass viele es auch mehrfach versuchen – ein Zeichen für den Stimmungswandel. Selbst Risikokapital scheint kaum noch das zentrale Problem, rund 20 Prozent der jungen Unternehmen in Deutschland erhalten eine solche Finanzierung. Der Gründergeist in Deutschland scheint tatsächlich neu erwacht. Auch wenn hier keine Stanford-Universität und kein Silicon Valley das Geschehen antreiben, haben sich in Berlin, München, Hamburg und Köln sehr lebhafte Gründerszenen etabliert, die alle kapitalhungrig weiter wachsen.

Da ist es doch geradezu paradox, dass viele Familienunternehmen keine geeigneten Nachfolger haben. „Über 40 Prozent der Seniorunternehmer finden nicht den passenden neuen Chef“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer kürzlich der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung “.

Die größte Problematik wird in der schwierigen Doppelfinanzierung von Übernahme und Modernisierung gesehen. Hinzu kommt, dass potenzielle Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt offenkundig attraktivere Positionen als Angestellte finden. Die Preisvorstellungen der Seniorunternehmer, aber auch die emotionale Kopplung machen einen erheblichen Hemmfaktor aus, gerade bei inhabergeführten Unternehmen.

Es ist schon paradox: Es gibt einerseits viele Gründer, also Unternehmer. Andererseits haben wir ein Defizit bei den etablierten Unternehmen des Mittelstandes, Nachfolger zu finden.

Jungunternehmer schielen lieber auf die eigenes kleines Start-up, das häufig bestehende Geschäftsmodelle „neu erfindet“, anstatt eine Firma mit substanziellen Produkten zu übernehmen und gleich auch den Zugang zu Familien- oder Business-Angel-Kapital zu erschließen. Umgekehrt lassen die Senioren so ziemlich jede Chance aus, sich hier der digitalen Transformation der Wirtschaft zu stellen und Talente ihre Unternehmen zu begeistern und frühzeitig an die zugegeben größere Aufgabe heranzuführen.

Hier ist ein Umdenken gefordert – auf beiden Seiten. Einerseits sollten die Start-up-Talente zumindest ernsthaft über die Alternative, „Existenzgründung light“ genannt, nachdenken: die Übernahme eines funktionsfähigen, gesunden Betriebes, in dem sie dann die digitale Transformation mit innovativen Geschäftsmodellen vorantreiben können. Andererseits sind die Seniorunternehmer gefordert, sich emotional anders aufzustellen. Sie sollten die Chancen der digitalen Transformation erkennen und den Übernahmekandidaten attraktive Konditionen anbieten, ähnlich einer Unternehmensgründung.

Politik kann solche Modelle gleich zweifach fördern: Es bieten sich steuerliche und arbeitsrechtliche Erleichterungen an. Außerdem könnten Start-up-Programme im Rahmen der Digitalen Agenda so modifiziert werden, dass sie den schwierigen Spagat zwischen Übernahmefinanzierung und Modernisierung einfacher machen.

Mit Sicherheit zahlt sich diese Investition in die digitale Modernisierung des nationalen Mittelstandes als Rückgrat der Wirtschaft nachhaltig aus. Ein Problem kann man allerdings nicht lösen – ein Mittelständler im ostwestfälischen Bielefeld sitzt eben nicht in im hippen Berlin – aber dafür gibt es ja eine ICE-Verbindung dorthin...

Jörg Müller-Lietzkow ist Professor für Medienorganisation und Mediensysteme an der Universität Paderborn. Er ist Sprecher des netzpolitischen Vereins Cnetz, der der Union nahesteht.

Kommentare zu " Gastbeitrag: Gründer in die Familienunternehmen!"

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  • Was nun????? Vor kurzem erschien hier im Handelsblatt ein Artikel mit dem Inhalt dass es in Deutschland keine Gründerkultur mehr gäbe. Die junge Generation strebt Beschäftigung im öffentlichen Dienst an. Was jetzt????
    Schreibt jeder Redaktuer das was gerade in den Kram passt
    oder opportun ist?

  • Geschätzt < 95% aller formal angebotenen "Unternehmensnachfolgen" befinden sich im Umfeld "Frisöre, Einzelhandel, Hotels & Kneipen, sonstigen Fastfood-Schmieden, Internet-Handel etc. und klassisch sehr kleiner Industrie-Dienstleister mit i.d.R. autistischen Geschäftsmodellen.

    Die sehr deutliche Mehrzahl dieser Micro-Firmen (oft unter 500 T€ Umsatz) sind substanziell keine Plattform für innovative Gründer.

    Weder die vorhandenen Mitarbeiter, noch die generelle Unternehmensstruktur bzw. -kultur, noch die typische Ertragslage dieser Firmen, lassen hier diesbezügliche Chancen erwarten.


    die keine personellen oder Grundlagen

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