GEORGIEN
Die Lunte glimmt

Der heiße Krieg ist erst einmal vorbei, der kalte Krieg aber hat gerade erst angefangen.

Der heiße Krieg ist erst einmal vorbei, der kalte Krieg aber hat gerade erst angefangen. Zwar hat Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew gestern ein Ende der Kampfhandlungen verkündet. Russland habe seine Ziele erreicht. Doch nicht nur die Trümmer in Südossetien, in Abchasien und in Georgien glimmen noch.

Welche Folgen der jüngste Waffengang für den gesamten Kaukasus und für alle Nachbarn des Riesenreichs haben wird, lässt sich nicht nur erahnen. Es gibt klare Anzeichen für die weitere politische Entwicklung in der Region: Russland wird Georgien so lange destabilisieren, bis der dortige Präsident Michail Saakaschwili gestürzt ist.

Mehr als 200 Jahre lang haben Zaren, Generäle und sowjetische Generalsekretäre den Kaukasus unter ihrer Kontrolle gehalten. Auch die heutigen Machthaber in Moskau denken keineswegs daran, das zu ändern. Für sie war die friedliche Rosenrevolution in Tiflis, die Saakaschwili an die Macht gebracht hat, nur ein Betriebsunfall. Seit Tagen machen Putin und Außenminister Lawrow klar, dass sie auf einer Abdankung Saakaschwilis bestehen.

Moskau wird den kleinen Kaukasusstaat weiter destabilisieren, indem der Kreml die beiden abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien mit seinen Truppen besetzt hält und schon bald die Unabhängigkeit dieser Teilrepubliken von Georgien anerkennen dürfte. Über die Abtrennung dieser Republiken ist schon die frühere georgische Regierung gestürzt. Eine Parallele zum Balkan: Auch in Serbien hat die letztlich vollzogene Loslösung des Kosovos Belgrads Kabinett zu Fall gebracht.

In Georgien wird das Kreml-Duo erst Ruhe geben, wenn eine Russland-freundliche Regierung in Tiflis etabliert ist und alle Nato-Pläne des Landes im Mülleimer gelandet sind. Denn die durch Georgien verlaufenden Pipelines, die bisher als einzige unabhängig von Russland kaspisches Öl und Gas auf die Weltmärkte transportieren, sind Moskau ein Dorn im Auge. Bislang hat der Kreml jedenfalls keinen Zweifel daran gelassen, dass es die Länder der GUS als seine Einflusssphäre sieht und deren Energiereserven als Teil seines Exportmonopols.

Das macht die Unabhängigkeit Georgiens so wichtig für diejenigen, die sich nicht allein auf Russland verlassen wollen. Und dies dürfte auch der Ukraine neue Sorgen bereiten, da durch das Land ebenfalls die unabhängig von Russland operierenden Pipelines Öl und Gas vom Schwarzen Meer nach Europa pumpen können. In der Ukraine mischt sich Russland deshalb schon seit langem immer wieder destabilisierend ein.

Für Russland und den Westen lassen sich jetzt zwei Schlussfolgerungen ziehen: Wie immer in Russland ging in Krisenzeiten der zweite Mann an die Front, und der oberste Herrscher durfte den Sieg einstreichen. Diesmal mit Medwedjews Geste einer Waffenruhe. So hatte schon die Sowjetunion funktioniert, wo schwierige Entscheidungen stets von den Vizes durchgepaukt werden mussten. Nun führen Medwedjew und Putin dieses von den Angelsachsen "Good cop, bad cop" genannte Theater auf.

Doch davon darf sich niemand täuschen lassen: Denn hier agiert nicht ein friedliebender Medwedjew gegen den Kriegsherrn Putin. Vielmehr spielt das neue Duo an der Moskwa nur gelegentlich mit geteilten Rollen, schlägt dann aber mit vereinten Kräften zu. Putin und Medwedjew haben beide als Präsidenten ihre Feuertaufe im Kreml mit Kriegen bestanden, für Putin war die Schlacht gegen Georgien sogar schon der zweite Waffengang nach der Strafexpedition in Tschetschenien.

So besteht kein Zweifel daran, dass die russische Außenpolitik weiter Putins Handschrift trägt. Der Westen darf sich keineswegs der Illusion hingeben, dass Russland unter Medwedjew einen anderen Weg geht und dass Putin als der Tonangebende an der Moskwa keineswegs gewillt ist, auf Diplomatie zu setzen, wenn er Schwächere demütigen kann. Das hat er in acht Jahren im Kreml immer wieder deutlich gemacht. Medwedjew jedenfalls bleibt, auch wenn er gestern das Schweigen der Waffen verkündete, erneut ein Signal schuldig, dass er andere Akzente setzen will. Und ein tatsächliches Kriegsende steht auch noch aus. Im Kaukasus glimmt die Lunte weiter.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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