Hedge Fonds
Ein Balanceakt

In der Mythologie gilt Amarant als eine Pflanze, die niemals verblüht. Ein Symbol der Unsterblichkeit sozusagen. In der Finanzwelt ist Amaranth seit dieser Woche ein Symbol dafür, wie sich sechs Milliarden Dollar in kurzer Zeit in Luft auflösen können.

Der tiefe Fall des Hedge-Fonds Amaranth hat die Finanzmärkte geschockt. Zwar hat die Fehlspekulation bislang nicht zu einer weltweiten Finanzkrise geführt wie die Pleite des Hedge-Fonds LTCM 1998. Dennoch sind die Aufsichtsbehörden blass geworden und fordern, die risikofreudigen Finanzinvestoren endlich an die Leine zu nehmen.

Der Ruf nach einer strikteren Regulierung der Hedge-Fonds erwächst jedoch vor allem aus dem Misstrauen gegenüber einer Branche, die meist im Verborgenen wirkt und deren komplexe Transaktionen kaum noch jemand versteht. Unbehagen und Unwissenheit sind jedoch keine guten Ratgeber, wenn es um Eingriffe des Staates in die Wirtschaft geht. Besser ist es, die Hedge-Fonds unter die ökonomische Lupe zu nehmen. Dabei sollten zwei Fragen im Mittelpunkt stehen: Neigt die Branche zu einem Marktversagen, das zu einem nicht akzeptablen Risiko für den Rest der Wirtschaft führen kann? Und wie lässt sich dieser Marktfehler korrigieren?

Hedge-Fonds gehören heute zu den besten Kunden der großen Wall-Street-Banken. Täglich bewegen sie Milliarden hin und her, um aus geringen Preisunterschieden auf den Aktien-, Anleihe-, Rohstoff- und Devisenmärkten einen Gewinn zu machen. Die Banken stehen den Finanzakrobaten zur Seite, wickeln ihre Handelsaufträge ab und finanzieren die riskanten Wetten. Ein Blick in die Quartalsergebnisse der Investmentbanken zeigt, wie lukrativ und umkämpft das Geschäft ist.

Der harte Wettbewerb unter den Banken hat dazu geführt, dass Hedge-Fonds anders als Privatanleger deutlich geringere Sicherheiten für die Finanzierung ihrer Transaktionen hinterlegen müssen. Die Wall-Street-Häuser rühmen sich, dass ihr ausgefeiltes Risikomanagement sie vor bösen Überraschungen schützt. Oft wissen die einzelnen Banken jedoch nicht, wie tief die Heimlichtuer der Finanzwelt noch bei anderen Häusern in der Kreide stehen.

Rutscht ein Hedge-Fonds tief in die Verlustzone, werden so genannte „margin calls“ fällig. Das heißt, die Fonds müssen zusätzliche Sicherheiten nachlegen. Der New Yorker Notenbank-Chef Timothy Geithner hat jedoch kürzlich darauf hingewiesen, dass dieser Sicherheitsmechanismus unter bestimmten Umständen zu einer Kettenreaktion führen kann. Um die „margin calls“ zu bedienen, müssen die Hedge-Fonds sehr schnell andere Handelspositionen auflösen.

Diese Verkäufe bringen weitere Investoren unter Druck und ziehen neue Forderungen nach sich. Die Panik führt so dazu, dass die Krise sich fortpflanzt und verschärft. Dabei gilt: Je geringer die Sicherheitsverpflichtung am Anfang, umso heftiger fallen im Krisenfall die panischen Reaktionen aller Beteiligten aus. Die Marktmechanismen versagen hier gleich zweimal: Unvollkommene Informationen führen dazu, dass Banken den Hedge-Fonds mehr Kredite geben, als gut ist. Darüber hinaus können rationale Entscheidungen der Einzelnen eine Finanzkrise noch verschärfen.

Vollkommen beseitigen lassen sich diese Mängel in einem marktwirtschaftlichen System nicht. Vielmehr kommt es für die staatliche Aufsicht darauf an, die richtige Balance zu finden. Dabei ist zu bedenken, dass Hedge-Fonds für die gesamte Wirtschaft eine wichtige Rolle spielen. Nicht nur, weil sie mit ihren Spekulationen Preisunterschiede ausgleichen und so die Effizienz der Märkte steigern. Sie erhöhen darüber hinaus die Liquidität auf den Finanzmärkten und streuen die vorhandenen Risiken. Das Finanzsystem ist dadurch krisenfester geworden.

Zwei Maßnahmen erscheinen je-doch sinnvoll. Zunächst sollten Banken von den Hedge-Fonds höhere Sicherheiten für ihre riskanten Wetten verlangen. Das würde den Puffer für Krisenfälle verstärken. Außerdem müssen die Fonds ihre Bücher zumindest so weit öffnen, dass Kreditgeber und Investoren sich ein klares Bild von den Risiken machen können. Diese Sicherheitsvorkehrungen werden Schieflagen wie bei Ama-ranth nicht völlig ausschließen. Aber sie würden helfen, dass die Fehlspekulation eines 32-jährigen Energiehändlers die Welt nicht an den Rand einer Finanzkrise bringt.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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