Hochschulen
Analyse: Nur ein Anfang

An den deutschen Hochschulen ist der Teufel los: Exzellenzinitiative und Hochschulpakt, Studentenschwemme und Umbau auf Bachelor und Master – die Brutstätten der Akademiker haben es endlich aus dem Ghetto der Feuilletons in die Schlagzeilen geschafft.

Wo früher mit dem Wirtschaftsstandort gehadert wurde, tobt heute ebenso heftig die Diskussion über den Wissenschaftsstandort Deutschland. Zu Recht. Mit jahrelanger Verzögerung hat die Sorge um die Hochschulen als Speerspitze der Wissensgesellschaft das breite Bewusstsein der Bürger bis in die Mittelschicht erreicht und Politiker zur Aktion gezwungen. Geholfen hat dabei, dass gerade die Wirtschaftsverbände die Brisanz des Themas entdeckt haben.

Heute nun steht der Hochschulpakt auf der Agenda: Der Bund will den Ländern mit knapp 1,3 Milliarden Euro helfen, damit deren Hochschulen den erwarteten Ansturm der Studenten meistern können. Deren Gesamtzahl wird in den kommenden sechs bis acht Jahren voraussichtlich von heute zwei auf mindestens zweieinhalb Millionen steigen.

Dies ist eigentlich eine erfreuliche Entwicklung. Denn Deutschland bildet bislang deutlich weniger Akademiker aus als solche Länder, mit denen wir ökonomisch konkurrieren müssen. Aber die Hochschulen sind heute schon nicht mehr in der Lage, die aktuell zwei Millionen Studenten ordentlich auszubilden: Während hier zu Lande ein Professor für 50 bis 80 Studenten zuständig ist, sind es an staatlichen Spitzenuniversitäten der Schweiz und vor allem der USA nur halb so viel. Von den privaten Edeladressen wie Harvard ganz zu schweigen. Nicht von ungefähr bricht jeder vierte sein Studium ab.

Bei der Reform des Grundgesetzes wollten die Bildungspolitiker der Länder, darunter auch die jetzige Bundesbildungsministerin, den Bund eigentlich komplett aus den Hochschulen drängen, zumindest in der Lehre sollte er nichts mehr zu melden haben. Jetzt nehmen sie dessen Hilfe gerne an. Aber noch bevor der Pakt für die Hochschulen unterschrieben ist, rufen die Hochschulen schon nach mehr Geld. Dies nicht ganz unbegründet. Denn mit dem Geld des Bundes allein ist die in Jahrzehnten entstandene Unterfinanzierung der Hochschulen nicht zu beseitigen. Über den Beitrag der Länder selbst herrscht dagegen noch keine Klarheit. Sie wollen bis Dezember verbindlich darlegen, wozu sie sich verpflichten wollen. Bislang war die Lehre im Vergleich zur Forschung das Stiefkind. Das gilt zumindest beim Blick auf die Ausgaben pro Student und Jahr, die international gesehen sehr niedrig sind. Insgesamt ist ein Studium in Deutschland jedoch recht teuer. Dies liegt an den unerledigten strukturellen Aufgaben: Drei Viertel der Studenten lernen an den teureren Unis, der Rest an viel billigeren Fachhochschulen. Zudem dauert das Studium wesentlich länger als anderswo. Der Durchschnittsstudent ist 28 Jahre alt, wenn er sein Diplom erhält. Abhilfe schaffen soll vor allem der Umbau auf das zweistufige Bachelor-Master-System, der jedoch recht zäh verläuft.

Der Hochschulpakt soll also die eine Seite der stumpfen Medaille, die Lehre, aufpolieren. Glanz für die andere Seite, die Forschung, soll die Exzellenzinitiative bringen, deren erste Runde gerade mit viel Getöse über die Bühne ging. Ziel ist es, mit insgesamt 1,9 Milliarden Euro über fünf Jahre wenigstens einige deutsche Universitäten in der Forschung an die Weltspitze zu bringen. Dieses Ziel ist hoch gesteckt, denn heute findet sich unter den ersten 50 Forschungsadressen weltweit keine einzige deutsche. Das Instrument ist der Wettbewerb um das Geld, dem sich die Unis erstmals stellen müssen.

Ins Rampenlicht traten dabei zwei Organisationen: die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die mit staatlichen Mitteln, aber in Eigenregie die Forschung an den Hochschulen fördert, und der Wissenschaftsrat, das höchste Beratungsgremium von Bund und Länder. Gemeinsam organisierten diese beiden den Elite-Wettbewerb und kürten am Ende zunächst drei Elite-Unis. Bund und Länder stimmten unter Protest zu, obwohl sie es gern ein bisschen anders gehabt hätten. 2007 folgt die zweite Runde. Am Ende werden bis zu zehn Unis jährlich zusätzliche 30 Millionen Euro erhalten. Dies entspricht bei den meisten Unis rund ein Zehntel ihrer Budgetsteigerung.

Beide Initiativen bringen den Hochschulstandort sicher voran. Sie sind aber erst ein Anfang. Denn abgesehen von den noch immer nicht ausreichenden Finanzmitteln sind viele Strukturaufgaben noch lange nicht erledigt. Um wirklich fit zu werden, müssen die Hochschulen nicht nur unabhängig und beweglich werden, sondern auch die Aufgaben unter sich neu verteilen. Die Spezialisierung der Alma Mater hat erst begonnen.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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