Irak
Bushs Dilemma

Der umfassendste Strategiewechsel, den die US-Führung für den Irak beschließen könnte, wäre ein Truppenabzug. Doch der ist von der Bush-Administration kaum zu erwarten.

Was also bleibt an realistischen strategischen Optionen übrig für einen Irak, wo es an allen Ecken lichterloh brennt? Eigentlich nur zweierlei: entweder tatsächlich Kurs halten und die militärische Präsenz im Zweifel sogar noch erhöhen mit dem Risiko noch höherer amerikanischer Opfer. Oder aber einräumen, dass man ohne fremde Hilfe die Lage nicht in den Griff bekommen kann. Fremde Hilfe – das hieße, auch auf jene Länder zuzugehen, die man eigentlich als Inkarnation des Bösen betrachtet: Iran und Syrien.

Genau diese Option soll James Baker nun ins Spiel gebracht haben. Und es brauchte wohl eines ehemaligen Außenministers aus der ersten Bush-Regierung von 1988 bis 1992, damit ein Republikaner so etwas überhaupt denken darf. Doch ganz so einfach wird es nicht sein, selbst wenn sich George W. Bush auf ein solches Projekt überhaupt einlassen sollte. Denn es würde nicht weniger bedeuten, als das Scheitern eines gesamten Konzepts – einschließlich des Ziels der Demokratisierung des Mittleren Ostens – einzuräumen.

Doch vorausgesetzt, Teheran und Damaskus sind tatsächlich in der Lage, die Rebellion im Irak zu beenden, so hätte die Inanspruchnahme ihrer Hilfe machtpolitisch einen enormen Preis. Faktisch würde damit die regionale Vormacht von Iran und Syrien anerkannt. Der Traum von einem Irak – oder was davon bliebe – als eine den USA gegenüber freundliche Macht wäre ausgeträumt. Die Hoffnung, Teherans Atomprogramm zu stoppen, wäre zerplatzt. Und am Ende hätte sich im Zentrum des Mittleren Ostens eine Kraft oder – bei einer Teilung des Iraks – hätten sich mehrere Kräfte etabliert, die Israel grundsätzlich feindlich gegenüberstehen. Auch das ist im Kern ein Horrorszenario.

Es ist daher kein Wunder, dass dem US-Präsidenten nicht viel anderes einfällt als immer wieder nur die Parole, den Kurs zu halten. Alle anderen Alternativen sind so fatal, dass sie einem großen Scheitern gleichkämen. Also wird weiter versucht, die einzelnen Feuerstellen zu löschen: die porösen Grenzen, den Waffenschmuggel, die Korruption bei den irakischen Sicherheitskräften, das Treiben der Milizen und die Ohnmacht der Regierung. Auf Letztere konzentriert sich neuerdings vor allem der amerikanische Zorn. Der irakischen Führung, eigentlich aber dem ganzen Volk, wird vorgeworfen, dabei zuzusehen, wie die Terroristen das Land in den Bürgerkrieg treiben.

Tatsächlich musste Maliki erst am Freitag dieser Woche tatenlos miterleben, wie an fünf Orten in der Provinz Anbar westlich von Bagdad zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage El-Kaida-nahe Kräfte eine Art Militärparade abhielten. Anbar mit seinem Zentrum Falludscha gilt inzwischen als quasi rechtsfreier Ministaat. Die Aufständischen nutzen die Provinz als Rückzugsraum, zur Rekrutierung neuer Kämpfer und als propagandistische Drehscheibe. Wer einmal glaubte, die Ermordung von Mussab el Sarkawi würde El Kaida im Irak nachhaltig schwächen, sieht sich getäuscht.

Richtig an der Kritik an der irakischen Führung ist, dass bislang jeder Hinweis darauf fehlt, dass die Schlüsselkräfte im Irak das Ruder selbst herumwerfen können oder wollen. Die Kurden ziehen sich immer mehr in ihren relativ sicheren Norden zurück, wo inzwischen keine einzige irakische Flagge mehr weht. Sie wenden sich von Bagdad ab und bereiten offen ihren eigenen Kurdenstaat vor – mit Kirkuk als Zentrum. Währenddessen die schiitische Führung radikalen Milizenführern wie Muktadar el Sadr freie Hand lässt und dabei zusieht, wie ihre eigenen Minister im Kabinett die Autorität von Nuri el Maliki untergraben. Und die Sunniten sind durch ihre Nähe zu Saddam historisch so geschwächt und gleichzeitig so sehr mit den Aufständischen verquickt, dass sie als politische Kraft ausscheiden.

Gab es einmal ein irakisches Nationalverständnis, so ist davon heute praktisch nichts mehr übrig. Aus Loyalität gegenüber einem Bagdader Machtzentrum will kein Kurde, Schiit oder Sunnit seinen Kopf riskieren. Am Reißbrett 1921 entworfen, scheint es keine Mehrheit zu geben, die diesen Staat erhalten will.Sollte sich diese Analyse bewahrheiten, dann wäre „Kurs halten“ umso mehr ein Irrweg. Die USA und ihre Verbündeten im Irak würden Menschen und Geld für eine Illusion opfern. Dabei ist nicht einmal der Rückgriff auf Vietnam, den Bush jüngst genommen hat, hilfreich. Denn im Unterschied zum Krieg in Südostasien gibt es im Irak nicht einmal eine feindliche Macht, die das Land kontrollieren und die territoriale Integrität sicherstellen kann. So bitter es ist: Die US-Regierung muss darangehen, ihre eigene Niederlage zu planen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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